Von Joselt Müller-Marein

Wird der Nachfolger des dreiundzwanzigsten Johannes das dreifache Werk, das dem Konzil gesetzt wurde, fortgeführt wissen wollen: den Versuch der Vereinigung der "getrennten Christen", die Reform der katholischen Kirche, die "Öffnung zur Welt"? Am 19. Juni beginnt das Konklave der Kardinäle, von dem der neue Papst gewählt wird.

Nach kanonischem Recht wäre es dem neuen Papst möglich, das Konzil nicht weiterzuführen, von dem man weiß, daß es durchaus nicht einmütig von den Kardinälen gebilligt wurde. Aber wenn die Wiederaufnahme des Konzils auch nicht ernsthaft bezweifelt wird, so weiß doch niemand als der zukünftige Papst, welche Ziele diese Beratungen fortan anstreben, und vor allem, von wie großem Eifer und Mut sie getragen sein werden.

Nein, das Konzil wird fortdauern. Es hat zu viele Hoffnungen erweckt, als daß seine Auflösung nicht fast ein selbstmörderisches Unternehmen der Kirche wäre. Deshalb darf man überzeugt sein, daß bei der Papstwahl jene römischen Kurien-Kardinäle, die als konzilfeindlich gelten, die nötige Zweidrittelmehrheit für ihren "Kandidaten" nicht erreichen werden.

Papst Johannes hat offensichtlich sein nahes Ende bedacht, als er darauf bestand, die zweite Beratungsperiode am 8. September beginnen zu lassen. Aber zur Frage des Termins gibt es in Rom zwei Meinungen. Die einen sagen, es sei unmöglich, die weltweit getroffenen Vorbereitungen zu stoppen; die anderen, der Termin sei zu eilig angesetzt worden; eine Verschiebung bis zum Spätherbst sei anzuraten. Aber alle sagen, der vom katholischen Volk geliebte, von allen Christen verehrte, von den "Weltleuten" bewunderte Papst Johannes, der ein großer Diplomat und Verhandlungsführer war, sei eine so starke Antriebskraft gewesen, daß man hätte sicher sein dürfen, es würde über sämtliche "Themen" abgestimmt.

Es waren 70 Punkte, die auf 17 reduziert wurden. Abgesehen davon, daß Einigkeit über die liturgische Erneuerung des Gottesdienstes erzielt wurde, ist bisher jedoch über keinen einzigen Punkt endgültig abgestimmt worden. Aus solchen Überlegungen aber geht hervor, daß jenen Kardinälen, die von der Erneuerungsbewegung sich alles versprechen, ein "konzilfreundlicher" Papst nicht genügt. Diese Kirchenfürsten – und es sind vor allem die deutschen, französischen, belgischen und holländischen – beten um einen Pontifex Maximus, der dem Vorgänger an Mut, Eifer und Leidenschaft gleichkommt.

Im populären Vokabular ist der Ausdruck aufgetaucht, Johannes XXIII. sei ein "Papst der Linken" gewesen. Er stand in Wirklichkeit natürlich weder "rechts" noch "links". Immerhin war er ein Neuerer, kein Konservativer. Jene Kardinäle nun, die ihm mit ganzer Seele in seinen Bestrebungen gefolgt sind, würden ohne Zweifel zwei Persönlichkeiten unter den "Papibili" vorziehen: den belgischen Kardinal Suenens von Mecheln, der in der ersten Periode des Konzils als souveräne Erscheinung hervorgetreten ist, oder den Wiener Kardinal König, den Johannes XXIII. mit besonderen Missionen in den Oststaaten beauftragt hatte. Jedoch, wenn unter den 82 Kardinälen auch nur 29 Italiener sind, ist die Wahl eines Nicht-Italieners, wenngleich nicht ausgeschlossen, so doch wenig wahrscheinlich. Gewiß ist ferner, daß weder die "Neuerer" (mit dem deutschen Kurienkardinal Bea) noch die "Konservativen" (mit den Kardinälen Siri und Ottaviani an der Spitze) in sich stark genug sind, einen Papst ihres Programms durchzusetzen. Und in diesem Zusammenhang taucht der Begriff von den "Gemäßigten" auf. Es ist nur ein Schlagwort.