Rezensionen zu Heinrich Böll: "Ansichten eines Clowns", ZEIT Nr. 19, 22 und 23

Schon beim Titel des Romans wird mir übel. Er schmeckt nach perfider Spekulation, nach einem pfiffigen Verlagslektor. Haben wir doch schon reichlich "Berichte, Mutmaßungen, soundsoviel Bücher über X." gehabt, es kommt also nicht so sehr auf die "Ansichten" des Gesinnungs-Clowns Böll mehr an.

Man nehme: etwas rheinischen (Raum Köln–Bonn–Leverkusen) "Links"-Katholizismus, womöglich durchädert von mehreren nuancierten Religionsvestigien, kröne dies mit einem glatten Unglauben, verfremde alles etwas, indem man den Helden zum Clown macht, tunke das Ganze in gute Herkunft, erfinde dazu ein "möglichst einfaches" Liebesspiel, blase einige Soutenen auf und rühre das lange um und um: Heraus kommt eine Suppe kölnischen Schrifttums. Letzteres ist übrigens das höchste Lob, das der Autor verdient: Er ist der beste kölnische Schriftsteller.

Der zweite Schluck Erde! Siehe Qualitätskurve des Böllschen Werkes. Der "neue" Böll wandert munter weiter abwärts. Vom Erdschluck bis Hans Schnier war es ein winziger Schritt. Jetzt kann "man" wieder diskutieren, auf Partys, denn dazu eignet sich dieser Geistespudding hervorragend.

Michael Raus, Köln-Nippes

Sollte nicht auch beachtet werden, daß Schniers Geliebte Marie (Maria) heißt und daß es sich bei der Lauretanischen Litanei, die der Clown auf der Bonner Bahnhofstreppe singt, nicht um irgendeine Litanei, sondern um die klassische Muttergottes-Litanei handelt? Was bedeutet es also, wenn Schniers seine Marie nicht vergessen kann, wenn die "Madonna" sich in falschen Händen befindet? Bis jetzt habe ich noch nichts gefunden, was mir diese Deutung als unangebracht verbieten könnte. Freilich, für den Kenner der Details eine nicht einmal sehr sorgfältig verpackte Parallelität. Oder ein Zufall?

Dr. Himstedt, Stierstadt (Taunus)