Gewiß, auch oben in der Luft ist mir nicht immer ganz geheuer. Erst neulich, als ich, vom Mittelmeer kommend, Schweizer Täler unter mir liegen sah, fand ich nur Trost bei dem Gedanken, daß ich, wenn jetzt etwas passierte, wenigstens in der schönen Schweiz herunterkäme. Immerhin könnten dort meine Freunde bei Gelegenheit Blümchen auf mein Grab streuen – in den Weiten des Mittelmeers wäre das viel schwieriger.

Und prompt wurden wir in Zürich mit Feuerwehr und Blaulicht empfangen, wurde die Maschine aus dem Verkehr gezogen. (Und für die vierstündige Verspätung anschließend werden wir mit einem Bon belohnt: ein Glas Fruchtsaft oder eine Tasse Kaffee, wahlweise.)

Von richtiger Panikstimmung werde ich eigentlich nur unten im Flughafen befallen. Dabei bin ich keineswegs restlos überzeugt van der These der englischen Wochenzeitung Observer, wonach diese Stimmung von den Fluggesellschaften durch allerlei Schikanen bewußt erzeugt wird, um die Passagiere zu willenlosen Werkzeugen zu machen. Das werden sie auch so. Uberall wird man viel zu früh hinbestellt oder hingeführt, um dann sinnlose Wartezeiten zu verbringen; immer kommt man sich wie ein Schaf in der Herde vor, die von einer übernervösen, meist völlig hilflosen Stewardeß argwöhnisch umkreist wird; Koffer verschwinden auf Nimmerwiedersehen, und Ersatz wird nur auf energischen Druck hin geleistet; Maschinen fallen aus, und man erfährt davon erst zwei Stunden später – all diese Dinge, die am laufenden Band passieren, würde man sich nirgendwo anders gefallen lassen. Als Fluggast macht man das alles mit – weil man nämlich Angst hat, es sich mit höheren Mächten zu verderben, weil man verschüchtert ist und in Gedanken bei dem möglichen zukünftigen Nachfolger seiner zukünftigen Witwe. Und dieser Schwächezustand wird von den Fluggesellschaften nur bewußt und rücksichtslos ausgenützt, mehr nicht.

Unsereineraber wird von Flugplatz-Neurosen befallen. Ich jedenfalls habe vor dem Anflug oder als Transit-Passagier keine ruhige Minute. Entweder kommt aus dem Lautsprecher ein Gebrabbel, das überhaupt nicht zu verstehen ist. Oder es ist zu verstehen – aber Spanisch. Oder es kommt verdächtigerweise eine Weile gar nichts. Hat man irgendeine geschriebene Ankündigung übersehen? Vielleicht schwebt die Maschine längst über Bosnien? Bei jeden Flug, auch wenn er in ganz andere Richtung führt, habe ich irgendwann das Gefühl, meine Maschine befände sich über Bosnien und ich mich im Irrtum.

Die Stewardeß fragen? Aber zu mir sind sie meist ziemlich streng. Vielleicht sehe ich so aus wie einer von jenen, die darauf aus sind, Stewardessen zu heiraten, oder gar noch zwielichtiger?

Dann versinke ich für eine halbe Minute in der Deutschen Soldatenzeitung und schrecke entsetzt hoch. Jetzt nicht ihretwegen, sondern weil da irgendeine Durchsage war. Aber hat sie Mr. Ebert oder Mr. Ehlert gesagt? Wahrscheinlich warten sie jetzt nur noch auf mich an einem mir unbekannten Ausgang. Die Maschine brummt ungeduldig. Der Flugkapitän brummt ungeduldig, und die Passagiere hassen mich wie die Pest. Außerdem gerät meinetwegen der Flugplan durcheinander, anderen Maschinen wird der Luftraum zu früh freigegeben, es kommt zu Katastrophen.

Manchmal schließe ich mich einer beliebigen Gruppe an, nur um mit meinem Warten nicht ganz allein zu sein, um einen gewissen Anschluß zu haben – lieber aus Versehen nach Tokio fliegen als sich wie ein überflüssiger Propeller vorkommen.