Ein tunesischer Student vor Gericht – Erstes Urteil: 22 Monate Gefängnis wegen Notzucht, zweites Urteil: Freispruch

Hamburg

Am Montagnachmittag sprach die Große Strafkammer IV des Hamburger Landgerichts unter dem Vorsitz von Landgerichtsdirektor Dr. Oellrich den Studenten Bechir Lakdar von der Anklage der Notzucht frei, deren ihn eine junge Hamburgerin beschuldigt hatte.

Derselbe Fall hatte vor einem Jahr mit einem Schuldspruch geendet. Damals hatte die Große Strafkammer VI unter Vorsitz von Landgerichtsdirektor Dr. Fedder den Medizinstudenten zu einem Jahr und zehn Monate Gefängnis verurteilt. Auf die Revision des Angeklagten war dieses Urteil vom Bundesgerichtshof aufgehoben und zu neuer Verhandlung an eine andere Strafkammer zurückgewiesen worden.

Der neue, zweieinhalb Tage dauernde Prozeß offenbarte soviele Unwahrscheinlichkeiten und Widersprüche in den Aussagen der wichtigsten Zeugin, jenes Mädchens, das angeblich in einem Gewaltakt von dem Studenten geschwängert worden war, daß ihren Anschuldigungen der Boden entzogen wurde.

Der Student hatte von Anfang an bestritten, nähere Beziehungen zu dem Mädchen gehabt zu haben. So stand Aussage gegen Aussage. Aber das, was das Mädchen behauptete, stand nicht nur in Widerspruch zu den Behauptungen des Angeklagten. Zahlreiche Zeugen – darunter ihr ehemaliger Klassenlehrer, ihre Schulfreundin und mehrere Studenten – bewiesen durch ihre Aussagen, daß von der "bedingungslosen Wahrheitsliebe", die die Jugendpsychologin als Sachverständige dem Mädchen zugeschrieben hatte, nicht die Rede sein konnte. Übrigens korrigierte diese Sachverständige, deren Gutachten den ersten Prozeß entscheidend beeinflußte, jetzt ihre Erkenntnisse: die schablonenhafte Darstellung des angeblichen Gewaltaktes durch das Mädchen überzeuge auch sie nicht mehr.

Das Mädchen, dem gewiß viel Mitgefühl sicher gewesen wäre, hätte es nicht seine Zuflucht darin gesucht, einen anderen Menschen eines Verbrechens zu bezichtigen, brachte sich durch seine offensichtlichen Flunkereien bei den Vernehmungen um fast alle Sympathien.