Von Enno Patalas

Auch in Süd- und Mittelamerika werden Filme gedreht: Durchschnittlich 90 pro Jahr in Mexiko, 40 in Argentinien, 35 in Brasilien und zwischen einem und zehn je in Chile, Peru, Kolumbien, Ecuador, Venezuela, Bolivien, Kuba und Portoriko; sporadisch nur arbeiten einzelne Gesellschaften in Uruguay, Paraguay und den kleinen mittelamerikanischen Staaten. Alles in allem entstehen im spanisch und portugiesisch sprechenden Teil Amerikas über zweihundert abendfüllende Spielfilme jährlich. Fragt man aber einen (interessierten) europäischen Kinogänger, was ihm zu Lateinamerika einfällt, was wird er antworten? Mexiko? Buñuel hat dort ein paar gute Filme gedreht. Argentinien? In Festivalberichten hat man von Leopoldo Torre-Nilsson gelesen. Brasilien? "O Cangaceiro" und "50 Stufen zur Gerechtigkeit". Und sonst? Keine Ahnung ...

Seit drei Jahren gibt in Sestri Levante, unfern Genua, das den Entdecker Amerikas als seinen Sohn reklamiert, ein sympathisches kleines Festival Gelegenheit, dieses reichlich lückenhafte Bild zu korrigieren. Auch für den Besucher dieses – übrigens von Jesuiten sehr weltlich geführten – Festivals besteht die Kinolandkarte des Subkontinents nach wie vor hauptsächlich aus weißen Flächen, aber Konturen zeichnen sich schon ab, und die Verläufe der wichtigsten "Ströme" können kartographisch festgelegt werden.

Auf den ersten Blick verwirrt die Vielfalt gegensätzlicher Tendenzen. Wer das monolithische Bild einer etwa in unbeholfenen Anfängen steckenden Produktion erwartet, sieht sich schnell enttäuscht. Die Diskrepanz zwischen Ge- und Mißlungenem, Altem und Neuem, Reaktion und Fortschritt, Naivität und Raffinement, kommerziellem Kalkül und künstlerischer Wahrhaftigkeit ist nirgendwo größer. Und auch die Unterschied: von Land zu Land stehen denen in Europa keineswegs nach. In Sestri Levante erlebte man hitzige Debatten zwischen Argentiniern und Brasilianern, die den Veranstaltungsleiter zu diplomatischen Kunststücken zwangen. Der argentinische Film gilt den Brasilianern als Ausbund verfaulender Dekadenz, darin nur gewissen europäischen Filmen vergleichbar, der brasilianische Film den Argentiniern dagegen als Ausdruck kindlicher Naivität. Vom revolutionären Internationalismus der Kubaner aber wollen beide nichts wissen.

Einige Länder können auf eine jahrzehntelange Filmtradition zurückblicken, die sich in routinierten Kommerzprodukten manifestiert Wir sahen solche aus Mexiko, Brasilien, Argentinien und Chile. Da findet – in Chiles "El Cuerpo y la Sangre" (Der Leib und das Blut) – ein Kind eine geweihte Hostie, verzehrt sie unschuldig und vollbringt daraufhin unaufhörlich gute Taten. Zwei junge Priester namens "Pedro y Pablo nehmen sich der Armen von Rio an und bezwingen durch ihre unwandelbare Güte (aber auch durch kernigen Humor) noch die rauhesten Halbstarken. Oder ein junger Zirkusartist in Mexiko muß erst durch eine Feuersbrunst dazu bewegt werden, seine ihn liebende Freundin zu ehelichen. Gemütvoller Humor geht hier mit frommen Gefühlen und handfesten Effekten eine publikumswirksame Synthese ein, die die Spekulation mit dem Analphabetismus kaum verfehlt

Bolviens Film "La Vertiente" (Die Quelle) feiert den Bau einer Wasserleitung, durch welche die Bewohner eines Bergnests von einer tückischen Krankheit befreit werden. Der Hymnus auf den Bau der Leitung erinnert an alte Russenfilme. Oder der schwarze Humor treibt bizarre Blüten: In einer Episode der venezolanischen "Cuentos para Mayores" (Geschichten für Erwachsene) verstümmelt sich ein sehr armer Arbeiter – der im übrigen als komischer Trottel gezeichnet wird – die Hand, um von der Versicherungssumme Medikamente für seine schwerkranke Tochter zu kaufen. Zu Hause erfährt er. daß sein Kind bereits gestorben ist; wutentbrannt packt er Hausrat, Frau und Kinderleiche auf einen Karren, fährt sie zur Schutthalde und schmeißt sie hinunter.

In den industrialisierten Filmländern hat be-– reits ein Gegenschlag gegen die kommerzialisierte Produktion eingesetzt, der teils in der Analyse des Bürgertums, teils in der Rückkehr zu den Quellen des Volkes sein Ziel sieht. Die Filme vor allem einiger Argentinier, José A. Martinez Suarez’ "Dar la cara" (Halt dich grade), Osias Wilenskis "El Perseguidor" (Der Verfolger) und Manuel Antins "Los Venerables Todos" (etwa: Der ehrenwerte Herr Jedermann), zeichnen das Bild einer Jugend, die sich mit der ihnen auferlegten Konsumentenexistenz herumschlägt, einen Ausweg im Exzeß, im Jazz oder in der politischen Aktion sucht – fast immer mit negativem Resultat.