Unser Einfall, über wichtige Bücher nicht nur einer Stimme Gehör zu schaffen, hat weitere Kreise gezogen, als wir angenommen hatten. Daß Heinrich Bölls neuer Roman "Ansichten eines Clowns" mancherlei Wirkungen haben würde, war zu erwarten; daß er den Herausgeber des "Spiegel" dazu bewog, als Literaturkritiker hervorzutreten, kam dennoch unerwartet. – Wir wollen die Diskussion in der nächsten Nummer mit zwei Stellungnahmen zu Ende bringen. Ihre Autoren: Reinhard Baumgart und Rudolf Walter Leonhardt.

Potemkin am Rhein

Von Rudolf Augstein

Der Clown Hans Schnier, den Böll zum Leben erwecken wollte, weiß, daß ein Pantomime und Imitator in geräumigen Hotelzimmern wohnen soll, damit er täglich "mindestens vier, möglichst sechs" Stunden trainieren kann; daß er im Taxi zum Bahnhof fährt, weil er mit einer Gummimatte und etlichen Koffern reist, daß er nicht trinken noch über seine eigenen Einfälle lachen darf und daß manche seiner Nummern "mehr als 600 Abläufe" hat. Er findet es "deprimierend einfach", wenn er ein Imitationsobjekt zu mühelos in den Griff bekommt, und gesteht, "daß sogar das winzigste Lob eines Bühnenarbeiters unsere Brust bis zum Platzen schwellen läßt".

Dennoch hat man Mühe, sich die berufliche Essenz des Clowns Hans Schnier vorzustellen, der bei Kriegsende zehn Jahre alt war und Ansichten formuliert, die denen seines 1917 geborenen Autors entsprechen, ja teilweise von diesem schon publiziert worden sind. Einundzwanzig Jahre ist Schnier alt, als er (etwa 1956 also) die Untersekunda und seine reichen Eltern verläßt, um mit einer 19jährigen Oberprimanerin zusammenzuziehen und Komiker zu werden oder wie er es nennt, Clown. Ein Jahr trainiert er, ohne irgendwelche Anleitung, im "Pfarrsälchen" eines befreundeten katholischen Kaplans (der später seinem Priesterberuf untreu wird) in Köln-Ehrenfeld. Fünf Jahre lang reist er durch die Städte der Bundesrepublik.

Obwohl er offenbar weder im Ausland noch im Fernsehen auftritt, wird er so bekannt, daß die SED ihn in die DDR einlädt und daß eine mißglückte Vorstellung in Bochum von den Bonner Lokalblättern notiert und verrissen wird. "Die Presse, die sich Rechtspresse nennt", "die Presse, die sich Linkspresse nennt" und die unabhängige Presse ergehen sich in Mutmaßungen, wenn er sein Programm überraschend ändert.

Seine Nummern sind nach seiner eigenen Meinung "zu sehr gemischt aus Pantomime, Artistik, Clownerie", er bekommt "Gähnanfälle", wenn er eine Nummer zehn- oder zwanzigmal gezeigt hat. Er ist das Karikieren leid, aber alle seine lyrischen Darstellungsversuche sind gescheitert, es gelingt ihm nicht, "das Menschliche darzustellen, ohne furchtbaren Kitsch zu produzieren". Als ihn sein Mädchen verläßt, fällt er in eine Krise, die am Schluß bodenlos scheint.