Porträt eines Kriegsverbrecherprozesses, der noch nicht der letzte ist (II)

Von Dietrich Strothmann

Hinter den Mauern von Koblenz ging in diesen Tagen ein Prozeß zu Ende, dem wohl kein heimatkundlicher Geschichtsschreiber in der Chronik seiner Stadt je eine Zeile widmen wird: Ein NS-Kriegsverbrecherprozeß, in dem der ehemalige rheinland-pfälzische Landeskriminalchef, Georg Heuser, und seine zehn Mitangeklagten wegen Beihilfe zum Mord von über 31 000 Juden in den Jahren von 1941 bis 1944 im Raum von Minsk in Weißruthenien verurteilt wurden. Die zerbombten Koblenzer Häuser, die Toten des Luftkrieges, die Zahl der Verletzten – sie werden auch in fünfzig Jahren in jeder Stadtbeschreibung zu finden sein. Von diesem Gerichtsprozeß aber spricht schon heute niemand mehr.

Nur damals, im Sommer 1959, als der Kriminal-Oberrat in das Untersuchungsgefängnis gesteckt wurde, gab es viel Gerede auf den Straßen und beim Dämmerschoppen: "Guck mal an, der Heuser. Is’ ja ein dolles Ding, was?" Die Verhaftung dieses Mannes, der den Koblenzern bislang als ein honoriger Bürger, seinen Vorgesetzten und Kollegen als ein korrekter und hochtalentierter Kriminalist galt, löste einen Schock aus.

"Was soll das alles?"

Und auch dann noch, als der Prozeß begann, als die Anklage plädierte, als der Verteidiger des Hauptangeklagten an der Reihe war, als Brigitte Gerstenmaier, die Gattin des Bundestagspräsidenten, als Friedrich Karl Vialon, Staatssekretär im Bonner Entwicklungshilfe-Ministerium vor den Zeugentisch traten, als zwei Russen dem Gericht neues Belastungsmaterial vorlegten, als der Urteilsspruch verlesen wurde – da herrschte für kurze Momente Spannung in Koblenz. Da waren die Lokalzeitungen voll mit Augenzeugenberichten und die Zuschauerbänke im Schwurgerichtssaal noch gut besetzt. Sonst aber, an den "normalen" Tagen, war dieser Prozeß ein Prozeß wie jeder andere. Am Kiosk, im Café winkte man ab: "Ach, hören Sie doch bloß damit auf. Heuser – ich will davon nichts mehr wissen. Was soll das alles, nach zwanzig Jahren?"

Sieben Monate dauerte dieser Prozeß, an 60 Tagen wurde von früh bis spät verhandelt, über 150 Zeugen wurden vernommen, die Gerichtsakten waren über zehntausend Seiten stark, Furchtbares kam zur Sprache: Wie damals unschuldige, wehrlose Menschen, "rassisch Minderwertige", "potentielle Gegner des Reiches", von diesen elf Männern auf der Anklagebank erschossen, vergast, verbrannt wurden, Säuglinge darunter, Greise, junge Mütter.