Die Rolle der Ideologie in der UdSSR

Von Wolfgang Leonhard

In den letzten Wochen hat sich der Tenor der Sowjetpresse verändert. Neben den üblichen aktuellen innenpolitischen und vor allem wirtschaftlichen Fragen werden jetzt mehr und mehr ideologische Themen betont. Fast täglich erscheinen Berichte verantwortlicher Parteifunktionäre über die ideologische Arbeit. Die neue Kampagne gilt der Vorbereitung für die Plenartagung des sowjetischen Zentralkomitees, die am 18. Juni beginnt und sich ausschließlich mit den "nächsten Aufgaben der ideologischen Arbeit der Partei" beschäftigen soll.

Eine solche Tagung des ZK ist höchst außergewöhnlich. In den 32 Tagungen des ZK, die bisher seit Stalins Tod stattfanden, wurden vorwiegend wirtschaftliche und allgemein politische Fragen behandelt. Eine ideologische Tagung des Zentralkomitees hat es bisher in dieser Form überhaupt noch nicht gegeben. Interessant erscheint auch, daß diesmal nicht Chruschtschow, sondern der 58jährige Chefideologe Leonid Iljitschow dazu ausersehen ist, das Hauptreferat zu halten. Damit tritt Iljitschow, der schon in der Kampagne gegen die reformfreudigen Schriftsteller und Künstler in den letzten Monaten wiederholt als ideologischer Einpeitscher fungierte, noch stärker in das Rampenlicht der Öffentlichkeit.

Ursprünglich war die ideologische Tagung für den 28. Mai einberufen worden; sie ist dann jedoch, ohne Angabe von Gründen, auf den 18. Juni verschoben worden. Neben den 175 Mitgliedern und den 155 Kandidaten des ZK werden auch eine größere Anzahl anderer – von der Spitzenführung bestimmter – leitender Partei- und Staatsfunktionäre an der ideologischen Konferenz teilnehmen. Auch Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler, Mitarbeiter der Presse, des Rundfunks, des Fernsehens und Vertreter der "Intelligenz" der Unionsrepubliken sind eingeladen. Ganz offensichtlich mißt die Kremlführung dieser Tagung eine außerordentliche Bedeutung bei.

Der Begriff "ideologische Arbeit der Partei" ist sehr vielschichtig und umfaßt eine Fülle verschiedener Funktionen und Aufgaben.

Im engeren Sinne gehört dazu in erster Linie die Schulung der 9,8 Millionen Parteimitglieder und der etwa 500 000 sowjetischen Parteifunktionäre. Die parteiinterne Schulung verläuft ihrerseits auf verschiedenen Ebenen – beginnend bei sehr primitiven Kursen (nach dem populären, in Millionen von Exemplaren gedruckten Lehrbuch "Grundlagen des politischen Wissens") über Studienzirkel und "Abenduniversitäten des Marxismus-Leninismus", in denen bereits die einzelnen Bestandteile der Sowjetideologie etwas gründlicher durchgenommen werden: Philosophie (dialektischer und historischer Materialismus"), Wirtschaftslehre ("politische Ökonomie"), die politische Doktrin ("wissenschaftlicher Sozialismus und Kommunismus") sowie die Geschichte der sowjetischen KP.