Washington, im Juni

Spät, aber entschieden sind in Washington Bedenken gegen die Europa-Reise Präsident Kennedys laut geworden. Unter den Kritikern waren so gewichtigte Kommentatoren wie Walter Lippman. Auch die New York Times riet dem Präsidenten davon ab, inmitten einer nahezu revolutionären Situation zu Hause nach Europa zu reisen, wo er doch nur sich wandelnde politische Szenen vorfinden werde. Das Weiße Haus erweiterte daraufhin die früheren Reisepläne um eine Begegnung mit Premierminister Macmillan, aber das weckte bloß neue Kritik.

Sollte sich, so wurde gefragt, ein Präsident der Vereinigten Staaten nicht zu schade dafür sein, das Prestige seines Besuches einer offensichtlich im Abstieg begriffenen britischen Regierung zu leihen? Müßte nicht Präsident de Gaulles Mißtrauen gegen die Angelsachsen dadurch bestätigt werden? Und würde ein Kennedy-Besuch in Italien, Deutschland, England und Irland nicht wie ein ziemlich rhetorischer Versuch wirken, Frankreich einzukreisen? Kennedy wird in Italien keine handlungsfähige Regierung vorfinden. Ein neuer Papst wird entweder noch nicht gewählt oder noch nicht in der Lage sein, bedeutsame Gespräche zu führen. Für die Bundesrepublik sind "Arbeitstagungen" angesetzt. Aber mit wem wird Kennedy arbeiten können? Mit dem abdankenden Kanzler oder mit dem noch nicht amtierenden Nachfolger?

Trotz aller Kritik hat sich der Präsident entgültig für die Reise entschieden. Die Gründe, die für die Reise sprechen, wiegen seiner Meinung nach schwerer als die Bedenken. Vor allem zwei außenpolitische Ziele sind es, die John F. Kennedy gegenwärtig in Europa erreichen möchte: Die Neugliederung der atomaren Verteidigung und den Abbau der Handelsschranken zwischen Europa und Amerika. In beiden Punkten, vor allem aber im ersten, muß er den Widerstand de Gaulles auszumanövrieren versuchen. Das kann jedoch nur mit Hilfe anderer kontinentaleuropäischer Verbündeter und Großbritanniens gelingen. Kennedy möchte vermeiden, daß er für seine NATO-Atomstreitmacht letzten Endes nur mit der Bundesrepublik Deutschland rechnen könnte. Deshalb muß er Rom und London für die Verwirklichung seiner multilateralen Pläne gewinnen.

Eine innenpolitische Kalkulation hat für den Präsidenten womöglich noch mehr Reiz. Trotz beträchtlicher Popularität im Volke hat er bisher wenig Glück mit den Volksvertretern gehabt. Seine Gesetzesvorlagen werden vom Kongreß zurückgestellt, verwässert oder abgelehnt. Kennedys Haltung im Rassenstreit ist klar und fest; dennoch gelang ihm auch hier bisher kein überzeugender Durchbruch. Er baut nun darauf, daß ein triumphaler Empfang in Deutschland, vor allem in Berlin, vielleicht auch in Italien, sein Ansehen weithin sichtbar heben und dem Selbstgefühl der amerikanischen Nation schmeicheln wird.

Es kommt hinzu, daß der amerikanischen Regierung gegenwärtig an einem guten Verhältnis zu Deutschland besonders gelegen sein muß. So wäre es undiplomatisch gewesen, die bereits minutiös vorgeplante Tour des guten Willens kurzfristig zu verschieben. Kennedy hat persönlich bisher kaum Gelegenheit gehabt, Deutschland und die Deutschen näher kennenzulernen. Es ist im beiderseitigen Interesse, daß er diese Erfahrung nachholt. So wird er kommen, sehen und sicherlich auch siegen. Thilo Koch