Auf der Leinwand erschien das Bild eines Reliefs aus einem Pharaonengrab, und der Vortragende, Dr. Johannes Fuchs vom Katharinen-Hospital in Stuttgart, deutete auf den abgebildeten blinden Harfenspieler: "Sie erkennen selbst in dieser stilisierten Darstellung den für Blinde typischen Habitus", erklärte der Mediziner, "das aufgedunsene Gesicht, die Falten am Hals und am Unterleib sind physische Veränderungen, die bei Störungen im Stoffwechsel und in bestimmten Drüsenfunktionen oder bei einer Wasserretention in den Geweben auftreten ... Erst in unserer Zeit können wir hoffen, mit den modernen Methoden der Wissenschaft den seit, altersher beobachteten Zusammenhang zwischen somatischen Veränderungen und der Blindheit zu erklären."

Dieser Zusammenhang gehört zu den Problemen, die am letzten Wochenende bei einem Symposium der New Yorker Akademie der Wissenschaften diskutiert wurden. "Photo-neuro-endokrine Effekte in circadischen Systemen unter besonderer Berücksichtigung des Auges" war das Thema jener Konferenz – zu deutsch etwa: Die Wirkungen des täglichen Lichtrhythmus, des Wechsels zwischen hell und dunkel auf die menschlichen und tierischen Körperfunktionen.

Licht wird im Auge, und vermutlich nicht nur dort, in Nervenreize verwandelt, die ihrerseits einen Einfluß auf den Hormonhaushalt ausüben. Der Erforschung dieser Kausalkette waren die Vorträge im New Yorker Henry Hudson Hotel gewidmet.

Eine ungarische Forscherin, Dr. Magda Radnot von der Universität Budapest, wies auf einen Zusammenhang zwischen der Funktion der Sexualdrüsen und dem Augendruck hin. Das Glaukom, eine Augenkrankheit, die sich durch einen verstärkten Druck im inneren Auge bemerkbar macht, tritt nicht bei Frauen auf, deren Ovarien entfernt worden sind. Ja, man hat festgestellt, daß nach einer solchen Operation der intraokulare Druck auf Werte unterhalb der Norm absinkt. Dr. Radnot beobachtete, daß dieser Druck auch während der Schwangerschaft abnimmt und zum Beispiel bei Glaukom-Patienten auf den Normal wert zurückgeht. Dagegen verstärkt sich der Augendruck, wenn man Glaukom-Kranken das männliche Sexualhormon Testosteron eingibt.

Über ein Zusammenspiel zwischen Hormonhaushalt und Lichteinwirkung berichtete ebenfalls der französische Mediziner J. Benoit: Erpel, die er in völliger Dunkelheit aufwachsen ließ, wurden zwar fortpflanzungsfähig, aber sie hatten auffallend kurze und unregelmäßige Geschlechtszyklen. Benoit machte in diesem Zusammenhang auf die Lichtempfindlichkeit des Hypothalamus aufmerksam, einer Region am Boden des Gehirns, von der fast alle vegetativen Funktionen, auch die Sexualfunktionen, beeinflußt werden. Tierexperimente haben ergeben, daß orangefarbenes Licht den Hypothalamus zur Auslösung eines verstärkten Drüsenwachstums anregt. Darüber berichtete unter anderem in New York der Leipziger Professor Hollwich. Benoit könne nun zeigen, daß auch rote, gelbe und blaue Lichtstrahlen den gleichen Effekt haben, allerdings nur dann, wenn sie nicht in das Auge, sondern direkt in den Hypothalamus gelangen. Der französische Forscher hatte das Licht über einen Quarzstift in den Kopf der Versuchstiere geleitet.

Dieses Ergebnis ist besonders interessant in Zusammenhang mit der Tatsache, daß Licht auch auf natürliche Weise durch den oberen Teil der Augenhöhlen direkt in das Gehirn eindringt. Diese erstaunliche Feststellung machten die drei amerikanischen Forscher E. E. Van Brunt, F. W. Ganong und M. D. Shepherd, nachdem sie in die Gehirne von Hunden, Schafen, Kaninchen und Ratten photoelektrische Zellen eingeführt hatten.

Die Erforschung der photo-neuro-endokrinen Effekte steckt zwar noch in den Kinderschuhen, doch es steht ganz außer Zweifel, daß den Erkenntnissen auf diesem Gebiet einmal ein hoher therapeutischer Wert zukommen wird. Die bisher gemachten Erfahrungen lassen sich schon jetzt in der Tierhaltung praktisch anwenden: Zeitlich und farblich genau abgestimmte Beleuchtungsperioden können Hühner zum fleißigeren Eierlegen und Schweine zu stärkerem Fleischansatz anregen. Arsene Okun