In unserer Bundesrepublik sind während der Pfingsttage hundert Menschen auf den Straßen ums Leben gekommen. In Frankreich wurden zur gleichen Zeit einhundertzehn durch Verkehrsunfälle getötet. Bei uns ist man nicht sehr erschrocken, denn im vorigen Jahr gab es zu Pfingsten in der Bundesrepublik zweihundertachtunddreißig Tote. In Frankreich ruft man Alarm, weil dort bisher kein Pfingsfest so mörderisch war.

Im übrigen ist nicht allein die deutsch-französische Freundschaft der Anlaß, die Zahlen der Verkehrstoten beider Länder zu vergleichen, sondern es soll hier auch dem Appell eines Pariser Verkehrs-Sachverständigen ein Echo gegeben werden. Denn Monsieur Gregoire, der im "Figaro" schreibt, verdient es.

Zunächst ist eine Statistik aus dem Jahre 1960 interessant, die er erwähnt. Auf jeweils hundert Millionen Kilometer Straße gab es in jenem Jahre in Italien 15,7 Tote; in der Bundesrepublik 11,2; in Frankreich 10,1; in Holland 9,2; in Norwegen 7,5; in Belgien 6,9; in England 6,6; in Dänemark 3,5; in Amerika 3...

Gregoire rechnet damit, daß die Zahl der Autos sich bis zum Jahre 1970 verdoppeln werde. Er meint, die "Verluste" würden dann 25 000 Tote (und eine halbe Million Verletzte) betragen. Doch hier scheint Widerspruch am Platze. Auch in der Bundesrepublik hat die Zahl der Autos zugenommen, aber die Todesziffer des Jahres 1960 (jährlich 11,2 auf hundert Millionen Kilometer) ist 1962 auf 9,9 gesunken. Liegt es vielleicht daran, daß bei noch größerer "Verkehrsdichte" deshalb die "Verkehrsdisziplin" wächst, weil die Fahrer immer weniger Möglichkeit haben, "verrückt zu werden"?

Über die italienische Zahl (15,7) sagt J.-A. Gregoire lakonisch: "Es genügt, in Italien zu reisen; dann versteht man, warum." Aber er wundert sich über die englischen Fahrer: "Ihr Straßennetz ist weniger gut als das unsere", stellt er fest. Und doch hat sich die Todeszahl des Jahres 1960 (6,6) in den folgenden zwölf Monaten auf 5,6 gesenkt, während sie in Frankreich leicht gestiegen ist.

Die Engländer (und die Dänen) – so könnte man vielleicht spekulieren – sind nicht so feurig wie die Italiener und trinken nicht verbotenermaßen so viel Alkohol wie die Franzosen (und die Deutschen und die Holländer). Aber solche Spekulationen (etwa auch über Verkehrsverordnungen, wie sie hart und unnachsichtig in Amerika gehandhabt werden), sie verlieren an Bedeutung gegenüber einem einzigen Hinweis, den Gregoire macht.

Es war der 3. Mai 1963, den man in Frankreich als "Tag ohne Unfall" proklamiert hatte. An den Tagen vorher und nachher hatte es 29 Tote auf den französischen Straßen gegeben. Am 3. Mai gab es nur zwölf Tote, also 17 hatten überlebt. Zwar hatte der "Tag ohne Unfall" nicht gehalten, was er versprach. Aber eine Lehre hat er doch gegeben: Gesetzt den Fall, die französischen Autofahrer würden einen Monat lang so vernünftig ihren Wagen lenken, wie sie es an diesem einen Mai-Tag taten, dessen Parole sie akzeptierten, so hätten in diesen vier Wochen 510 Menschen überlebt!

Propagierten und akzeptierten wir einen "Monat ohne Unfall" auch in Deutschland, so würden an die Fünfhundert unter uns nicht sterben. Und wir würden um eine große Lehre reicher sein! Also?