Rochus Spieker: "Kritische Gedanken zum deutschen Katholizismus", ZEIT Nr. 22

An dem Gespräch der beiden prominenten Katholiken ist zweierlei auffällig: die Schnelligkeit, mit der der Katholizismus reagiert hat, und die Gewandtheit, mit der an dem Grundproblem des Buches vorbeigeredet wird. Bemerkenswert ist auch die Methodik. Die Partner sind sich einig in dem Ziel, das Buch zu verharmlosen. Sie enthalten sich daher jeder Gegensätzlichkeit, und das Zwiegespräch ist nur formal ein solches, der Substanz nach ist es ein Monolog zu zweien. Dem Autor wird zugestanden, daß er, obwohl Laie, doch ein Glied der Kirche ist und also mitreden dürfe. Als einem Laien fehle ihm allerdings der Blick dafür, daß das primäre – religiöse – Anliegen der Kirche sich nicht immer vom politischen Bereich trennen läßt. Gerade darauf kommt es Amery aber an, auf "die auf die konkrete Lage angewendeten Forderungen der Botschaft". Darauf geht der Monolog nicht ein, und die Äußerung, die Kirche "versteht sich als Hüterin der Offenbarung des wahren Gottes", klingt demgegenüber stereotyp, farblos und unverbindlich.

Es entsteht der Eindruck, die Sprecher möchten dem Autor am liebsten die Rolle des Mopses, der den Mond anbellt, zuschieben. Das geht ja nun wohl doch nicht, und so wird das Buch ausdrücklich als "bemerkenswert" bezeichnet. Der Mond fühlt sich angesprochen und zieht in distanzierter Milde und Klarheit dem Autor die Grenzen seiner Zuständigkeit. Dabei hat man das Gefühl, als wollten die "Geschäftspartner" dem potentiellen Leser die Unbefangenheit nehmen, indem sie ihre "Warnlampen" so aufstellen, daß seine Aufmerksamkeit von den Sackgassen, in denen sich der Milieukatholizismus befindet, ablenken. Daß sie das in Form einer scheinbar verständnisvollen Interpretation einiger Nebengedanken des Verfassers tun – diese Methode läßt die Fairneß vermissen, die sie dem Buchautor ausdrücklich bescheinigen.

Fritz Graap, Berlin

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Ich habe nichts dagegen, daß Sie Amerys Buch positiv beurteilen. Aber ich fühle mich enttäuscht darüber, daß die ZEIT ein so unprofiliertes Sich-Antönen zweier je für sich löblicher Dominikaner als ein "Zwiegespräch" zu betrachten und dem Leser zuzumuten wagt. Abgesehen davon, daß die wirklich dynamischen Partien des Buches in dem Gespräch unerwähnt bleiben, wirken die Schwerfälligkeit der beiden "Partner" und ihre verkrampfte Bemühung um "Offenheit" auf mich peinlich. Hier wird ein "Gespräch" aufgeführt oder vorgeführt, aber es geschieht kein lebendiges Sprechen. Es könnte wohl nur förderlich sein, wenn solche fingierten und gestellten "Wechselreden" gerade in der ZEIT durch Gespräche ersetzt würden, in denen noch gestritten wird.

Sehr begrüßen möchte ich, daß Sie Hans-Urs von Balthasar um einen Aufsatz zu Ihrer Mythos-Diskussion gebeten haben. Der Artikel selbst scheint mir jedoch (ebenso wie jener von Bultmann) nicht besonders erhellend zu sein. Was wird mit all diesen kapriziösen Formulierungen gesagt? Wer entmythologisiert mir nun, was Balthasar geschrieben hat? (Daß "Mythos" mit "Wort" identifiziert wird, dürfte gar nicht so klar sein; was heißt denn "Logos"?) Der folgende Abschnitt scheint mir bezeichnend zu sein: "Der Grund alles Seins, der Grund auch dieses kaltschnäuzigen, absurden Daseins soll Liebe sein? Lächerlich! Unbegreiflich! / Und doch ist in Christus Gott Mensch geworden, das heißt..." Während ich dem ersten Teil dieses Abschnitts gern zustimme und als Theologe auch den Inhalt des zweiten akzeptiere, scheint mir doch ein abrupter Übergang (vgl. das "Und doch!") von der Diagnose zur unausgewiesenen Behauptung vorzuliegen. Daß "in Christus Gott Mensch geworden" ist – das ist "mythische" Rede, jedenfalls im Sinne Bultmanns. Das Problem lautet aber doch gerade, wie man solche Worte "noch", das bedeutet: "un-mythisch" verstehen kann. Von dieser Frage scheint Balthasar wenig beunruhigt zu sein.