Der deutsche Marxismus hat sich bisher nur selten mit angelsächsischen Entwicklungen der Literaur und Kritik beschäftigt. Die bedeutendsten Theoretiker und Polemiker der Linken, Lukács wie Mayer, entstammen der griechisch-idealischen Sphäre des deutschen Gymnasiums: Ihr Westen heißt Hellas und Frankreich, die amerikanischen Landschaften bleiben wahrhaft transatlantisch. Aber das ist nun, mit einem Schlage fast, anders geworden. In der neuen Monographie von

Robert Weimann: "New Criticism und die Entwicklung bürgerlicher Literaturwissenschaft"; VEB Max Niemeyer Verlag, Halle; 314 S., 23,80 DM

beschäftigt sich der hochgebildete marxistische Anglist und Kritiker endlich mit den Leistungen Englands und Amerikas und sagt, nebenbei, manches Treffende über den germanistischen Schulbetrieb. Was man in Westdeutschland so lange versäumte, wird hier getan, mit umfassenden Kenntnissen, klarer Sprache, in scharf polemischer Absicht: eine Geschichte und (allzu) ideologische Analyse jener literaturfreundlichen Tendenzen des Zeitgeistes, wie er die Schulen, Universitäten und Zeitschriften Amerikas seit fast einer Generation beherrscht, jenes New Criticism, der sich entschloß, zur ältesten aller kritischen Methoden, zum genauen Lesen, zurückzukehren.

Weimann weiß, zu unserem Glück, so viel, daß er sich nicht auf präfabrizierte Definitionen festlegen, muß: Neue Kritiker sind für ihn alle, die impressionistischen Werturteilen, biographischen Interessen und einer moralisierenden Didaktik abgeschworen haben, um das Literarische in der Literatur zu suchen.

Gewiß – aber warum taucht plötzlich der scharfsinnige britische Moralist Leavis unter den Neuen Kritikern auf, während der bedeutende amerikanische Literaturphilosoph Kenneth Burke nur in einer peripheren Fußnote sein textkritisches Wesen treiben darf?

Das sind Verschiebungen, die das Gleichgewicht des Ganzen nicht bedrohlich stören; entscheidend bleibt, daß hier zum ersten Male in deutscher Sprache das eigentliche Arcanum der jüngeren amerikanischen intellektuellen Entwicklung (oft verdeckt durch Beat & Cool) ans Licht gehoben und systematisch entfaltet wird. Was hat Robert Weimann nicht alles gelesen! Allen Tate, Ransom, Winters, Feidelson, Hulme, Wimsatt, Cleanth Brooks – aber nicht nur ihre wichtigen Essays und Studien, auch die versteckten Zeitschriftenartikel, Polemiken, Einführungen, Anthologien und Repliken. Wer die vielen unterernährten europäischen Bibliotheken kennt (die meisten Büchereien der DDR dürften keine Ausnahme bilden), wird versucht sein, einen selten gewordenen Forscher-Heroismus zu rühmen, der das Positiv-Wißbare – trotz Mauern, Vereinzelung und Kontaktlosigkeit – in bewundernswürdiger Präzision gesammelt und zu sinnvoller Information verbunden hat.

Der Jammer ist nur, daß diese Fülle an Einsicht und Einzelheit auf den dürftigen Faden einer abstrakten These gereiht wird, die sich selbst jeder kritischen Prüfung hartnäckig entzieht. Oben ist alles systematisch und wissenschaftlich; unten alles Nebelwolke und, wie Brechts Galileo sagt, "Perlmutterdunst". Dennoch, solange Weimann der Literatur treu bleibt, folgt er dem robusten Beispiel unempfindlicher Funktionäre nicht. Er gehört zur nachstalinistischen nouvelle vague: Er ficht elastisch, schätzt die Teilergebnisse geschätzter Widersacher, übt die Methode des genauen Lesens selbst mit Geschick und hütet sich zunächst gewissenhaft, Tugenden und Untugenden des New Criticism in einen einzigen Topf zu werfen.