Von Liselott Diem

Der Besucher in Israel wird gepackt von der Initiative, der ideenreichen Planung, der Arbeitsintensität. Das Land der Zukunft liegt im Süden, die Wüste wird kultiviert.

Die alte Karawanenstraße von Ägypten nach Damaskus ist seit fünf Jahren betoniert. Statt der Kamelkarawanen rollen schwere Lastwagen, Autobusse und Taxis von Beersheba nach Elat und verbinden die neuen Chemiewerke am Toten Meer, die Plantagen am Mittelmeer mit dem Roten Meer.

Beersheba erlebt im Lauf seiner sechstausend Jahre alten Geschichte nach langem Dornröschenschlaf eine neue Blütezeit. Vor fünfzehn Jahren wieder einmal von den Menschen verlassen, ist die Stadt jetzt lebendiger Mittelpunkt der neuen Besiedlung. "Abraham pflanzte eine Tamariske in Beersheba" – in der "Stadt der Brunnen" Abrahams (beer = Brunnen) sind Tausende von Tamarisken neu gepflanzt. Kinder spielen in einem Park unter Eukalyptusbäumen, auf Rasenflächen zwischen Rosen und Oleander.

Heute wird die neueste Straße mit einem sportlichen Ereignis eingeweiht. Der "Nachtmarsch durch die Wüste" findet zum zweitenmal statt. Letztes Jahr zogen die Wanderer von Dimona nach Beersheba – Dimona ist unterdes eine wohlbekannte Industriestadt. Dieses Jahr führt der Weg von Arad ins neuerbaute Stadion von Beersheba. Arad existiert bisher nur auf der Planungsskizze, aber bis Ende des Jahres werden fünf- bis sechshundert Familien dort oberhalb des Toten Meeres wohnen. "Arad ruft dich, die Wüste zu beleben" – die Marschierer erhalten zugleich mit ihrem dreieckigen Teilnehmerabzeichen, auf dem ein trabendes Kamel abgebildet ist, auch eine Zeichnung der geplanten Stadt.

Wir fahren zum Start. Der Schein des Vollmondes fällt auf die weißen Sanddünen. Vereinzelt zeichnen sich einige schwarze Beduinenzelte ab. Eine beinah furchterregende Einsamkeit. Oben in Arad, innerhalb des neuen viereckigen Holzbaues, den die Baumeister gleich einer Karawanserei zu ihrem Schutz errichteten, herrscht aber reges Leben. Eine Bühne ist aufgeschlagen, hier wird gesungen, getanzt, Theater gespielt. Hier sammeln sich seit zwei Stunden die Teilnehmer des Nachtmarsches: Jugendgruppen aus den Kibbuzim der Umgegend, aus Jerusalem oder vom See Genezareth, Bank- und Industrieangestellte, Arbeiter vom Toten Meer, eine Landschulklasse mit ihrem Lehrer, ein Dorf mit Neueinwanderern, eine Gruppe älterer Hafenarbeiter aus Tel Aviv. Ein Zweiundsechzigjähriger weist uns stolz auf Tochter und Enkelin, die beide mitstarten.

Es ist ein vergnügtes Freundschafts- und Familienunternehmen. Die Teilnahme bedeutet für den einzelnen mehr ein aufregendes Erlebnis als etwa eine Verpflichtung. Der, sechszehnjährige Raphael, Sohn meiner Gastgeber, und sein Freund sind mitgerissen von der allgemeinen Fröhlichkeit und melden in letzter Minute noch ihre Teilnahme an. Sie borgen sich Blusen und Abzeichen von ihrer Pfadfindergruppe und kennen uns nicht mehr! Wir gehören zu den Schiedsrichtern, die heute Nacht auf einer großen Liste die Punkte eintragen; gewertet wird nicht nur die Leistung, sondern vor allem das gemeinschaftliche Auftreten, der Rhythmus, die Kleidung, das ästhetische Bild.