Von Otto F. Beer

Kürzlich konnte man in den Pariser Blättern, lesen, Virgil Georghiu, dessen Roman "Die 25. Stunde" seinerzeit auch bei uns Aufsehen erregt hat, habe die Priesterweihe empfangen. Der Exilrumäne sei dabei von Ionesco ordiniert worden. Man mochte sich fragen, was für eine seltsame Religion das wohl sei, in der ein Ionesco kirchliche Würden verteile, wurde aber bald darüber insKlare gesetzt, daß es sich keineswegs um Eugene, den berühmten Dramatiker, sondern um Theophil Ionesco handelt, der in Paris als Bischof der rumänischen Kirchen des Westens fungiert. Der Monsignore Ionesco ist der Öffentlichkeit weniger bekannt, wohl aber sein Landsmann Eugene, der eine wahre Ionesco-Saison hinter sich hat, in der er gleich vielfach auf der Bühne vertreten war.

"Le rot se meurt" ist dieser Tage in dem kleinen Theater der Alliance française vom Spielplan abgesetzt worden, wird aber vielleicht (so etwas gibt es in Paris!) später nochmals in einer neuen Serie aufgenommen werden. Herr Behringer, der seinerzeit kein Nashorn werden wollte, wird hier immerhin ein Zwillingsbruder von Shakespeares König Richard II. Folgerichtig heißt er "Bérenger II. ", ist ein gestürzter Monarch, mehr noch: ein Inbegriff aller gestürzten Monarchen, ein armseliges Häuflein Mensch, das in seiner letzten Verzweiflung nicht nur die Insignien der Macht, sondern auch diejenigen des Lebens abtut. Wie Richard II. im Kerker von Pomfret, sieht Berenger seiner letzten Auflösung entgegen, ein Jedermann aus einem Jahrhundert, in dem außer Atomen noch alles erdenkliche andere gespalten wird.

Weitere Trabanten der großen Ionesco-Schau sind Durchzieher aus früheren Spielzeiten, wie etwa "Die Zukunft liegt in den Eiern" oder das berühmte "Spectacle Ionesco" in dem winzigen Théâtre de la Huchette, unweit der Place St. Michel, das "La cantatrice chauve" und "La leçon" nun schon volle sieben Jahre auf dem Spielplan hält. Man spielt hier auf einer Bühne von Nudelbrettgröße, aber mit welcher Bravour sprudeln die beiden Einakter über die Szene! Sitzt man in diesem Achtzig-Mann-Parkett, dann begreift man sowohl, daß die "Kahle Sängerin" von hier ihren Siegeszug angetreten hat, als auch, daß die "Leçon" verhältnismäßig selten gespielt wird. Sie ist nur realisierbar, wenn man zwei so brillante (und in dem Miniaturtheater wahrscheinlich gar nicht gut bezahlte) Virtuosen zur Hand hat wie hier. Die Vorstellung, die ich dieser Tage sah, war von ganzen zweiundzwanzig Personen (darunter sechs Deutschen) besucht, und so wird man sich wohl an dieser Bühne, die immerhin einen Welterfolg ausgelöst hat, demnächst sagen müssen: "Ich hab es getragen sieben Jahr, ich kann es tragen nicht mehr."

Doch ist der Gipfel der Ionesco-Saison fraglos die Inszenierung des "Piéton de l`air" durch Jean Louis Barrault – was würde in seinen Händen nicht zum Gipfel? Selbst wenn er Offenbachs "Vie parisienne" gibt mit der ehrwürdigen Madame Renaud als leichtsinniger Operetten-Baronin und durchweg mit Schauspielern als Sängern, die dann einen hohen Ton, statt ihn zu singen, lieber von der Trompete spielen lassen und hinterher dem Musiker ein artiges "Merci!" zurufen – selbst dann ist es ein Traum von entladenem Theatertemperament. Wieviel mehr also bei Ionesco, den er luftig und lustig spielt, als eine Chaplinade, selbst noch in den apokalyptischen Visionen der Schlußszene. Bei deutschen Aufführungen wurde vielfach kritisch vermerkt, "Der Fußgänger der Luft" weise am Ende einen gefährlichen Bruch auf. Im Pariser Odeon merkt man davon nichts, weil Barrault den Stil der Clownerie mit leichtem Handgelenk bis ans Ende durchhält. Bei uns hierzulande wuchert auf Ionesco-Texten gern der deutsche Tiefsinn, und die Metaphysik liegt fingerdick auf dem dramatischen Gefüge. In Paris merkt man, daß Ionesco mehr dem jüdisch-balkanischen Kabarett der Zwischenkriegszeit zu tun hat als mit der modernen französischen Philosophie. Das erst gibt ihm die federleichte Grazie und den sprudelnden Witz.

Rund fünfzig Sprechtheater ringen jeden Abend um die Gunst des Publikums, und sie ringen (trotz Eintrittspreisen bis zu zwanzig Francs und nicht unerheblichen Nebenspesen) mit Erfolg. Sie sind zumeist voll, und ihre Blüte rührt daher, daß sie gezwungen sind, ihr Geld nicht beim jeweils Subventionen spendenden Minister, sondern beim zahlenden Zuschauer zu verdienen. Der Staat sorgt nur für drei von ihnen: für die Comédie française, das Odéon Barraults und das Théâtre National Populaire, von dem sich Vilar nun in einem schmerzhaften Ablösungsprozeß verabschiedet hat. Für das Monsterhaus des TNP hat man mit billigen Preisen und Trinkgeldverbot ein neues Massenpublikum herangezogen. Zur Zeit läuft Boks "Thomas Morus", ein Monsterschinken, mit dem verglichen Frys "König Kurzrock" wie ein amüsanter Sketch wirkt. Man experimentiert immer wieder mit den noch zu gewinnenden Publikumsmassen und hat für die geradewegs von der Arbeitsstätte Kommenden ein Kaltes Büffet samt "Empfang mit Musik" eingeführt. Wie alle anderen Besucher bekam auch ich einen Fragebogen in die Hand gedrückt und füllte ihn wahrheitsgemäß aus. Wie oft im Jahr gehen Sie ins Theater? "Rund hundertmal." Warum besuchen Sie das Theater? "Par obsession", schrieb ich. Wie weit ich von meinem Arbeitsplatz bis zum TNP zu fahren habe, Sollte man wissen. Ich schrieb "21 Stunden" und habe damit vermutlich die schönste Statistik über den Haufen geworfen.

Im Gymnase unweit der Porte St. Denis, ist Professor Freud eingezogen. Man spielt hier Henry Denkers "Der rote Faden", und in der Hauptrolle hat ein Landsmann Paris unzweideutig erobert: Curd Jürgens. Wer es nicht gesehen hat, wird es nicht glauben: wie sehr er sich schon rein äußerlich in den Vater der Psychoanalyse verwandelt hat. Seine darstellerisdie Leistung macht in ihrer Gedämpftheit, ihrem bärbeißigen Humor, ihrer Verinnerlichung den Erfolg verständlich. Das Stück, vom Broadway her bekannt, macht die erste Heilung einer hysterisch Gelähmten zum szenischen Angelpunkt. Die ersten entscheidenden Schritte ins Unbewußte, das Wagnis einer Heilung mit rein seelischen Mitteln, Krisen und Erschütterungen des analytischen Eingriffs: das alles bedeutet gleichwohl dramatisches Material von hoher Spannkraft. Den Hintergrund bildet ein – allerdings bühnenbildnerisch arg verzeichnetes – Alt-Österreich, von dem Freud sagt, man lebe darin mit allen Vorurteilen der Habsburger und allen Ängsten der Juden. Für Curd Jürgens und seine Partnerin – Nicole Hiss, die aus dem hysterischen Fräulein von Ritter eine packende klinische Studie macht – gibt es allabendlich kräftige Applaussalven.