Da heißt es, daß nur noch kaltschnäuziger Realismus gelte! Eine windige Halbwahrheit, wenn man bedenkt, daß ein Realist, falls er sein eigenes Gemüt schon verleugnet, zumindest den mühsam getarnten Gefühlshunger seines Publikums einkalkulieren muß! Aber die Musen leben. Der Phönix Poesie entsteigt sogar der Asche der Politik! – So verglich Dr. Thomas Dehler die FDP mit einer schönen, reichen, vielumworbenen Braut. Dies wiederum stachelte Dr. Richard Jäger von der CSU zu einem nicht minder hymnischen Widerspruch auf. Er nannte die FDP "ein Frauenzimmer, das auf den jeweils stärksten Mann wartet, um sich ihm – nachdem es den Preis hochgetrieben hat – in die Arme zu werfen!" Selbst in einer Zeit, in der viele Unterschiede verwischt würden, so meinte er, pflege man ein solches "Frauenzimmer" nicht unter dem ehrbaren Begriff einer Braut zu verzeichnen! – Der Humanismus ist noch nicht tot! Der kräftige Brustton solcher Reden erinnert an den Wortschmuck, mit dem Homers Helden ihren Mut beflügelten. Und wem Homer zu abgelegen erscheint, dem mag der Rangstreit zwischen Kriemhild und Brünhild in den Sinn kommen, von dem das Nibelungenlied berichtet!

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Nicht einmal der stahlharte Realismus des Ostens kann des poetischen Schwunges entraten. Was ist schon Rationalisierung, wenn selbst dem besten Traktor ein Pferd vorgespannt werden muß – mag es auch geflügelt sein und Pegasus heißen! – damit die Maschinerie in Gang kommt! Zum Beweis ein Liebesgedicht, nach SED-Masche gehäkelt, mit dem Ruth Berlau ihre Genossen beglückte. Darin wird bekannt: "Aber die Liebe muß besonders betrachtet werden, da sie eine Produktion ist!" Und schließlich: "Den Besten gelingt es, ihre Liebe in Einklang zu bringen mit anderen Produktionen. – So machen sie ihre Freundlichkeit zu einer allgemeinen, ihre erfinderische Art nützlich für viele und unterstützen so alles Produktive!" Rochus Spieker