Werden in der Politik erst einmal die Fäuste erhoben, so steht der Terror hinter der nächsten Ecke.

Was am letzten Sonntag auf dem Deutschlandtreffen schlesischer Landsmannschaften in Köln geschah, wurde als ein "Zwischenfall" bezeichnet. Nur ein Zwischenfall? Wären Kölner Polizisten (die sich dabei selber ein paar blaue Augen holten), nicht zu Hilfe gekommen, dann hätte es leicht passieren können, daß der Mob, aufgepeitscht durch eine Funktionärsrede, den Chefreporter des NDR-Fernsehens, Jürgen Neven-du Mont zu Tode getrampelt hätte – und dies vor den Augen Konrad Adenauers und Willy Brandts.

Die beiden Politiker hatten kurz zuvor in ausgewogenen Worten für eine Politik des Ausgleichs mit unserem östlichen Nachbarn plädiert. Und Brandt hatte darüber hinaus die Vertriebenen, gerade auch die Schlesier, ob ihrer Besonnenheit gelobt – sie seien "ein Aktivposten unserer jungen Demokratie".

Zwischen dem Kanzler und dem Schattenkanzler aber saß Erich Schellhaus, jener Mann, der im vorigen Jahr gefordert hatte, man solle alle diejenigen, die von Verzichten im Osten sprächen, als Landesverräter mit Gefängnis oder Zuchthaus bestrafen. Damals war Schellhaus niedersächsischer Vertriebenenminister; heute ist er "nur" noch Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien. Dieser demagogische Funktionär war es, der die 80 000 aufhetzte – und wohlgemerkt: in einer vorbereiteten Rede.

Es war das alte, widerwärtige Spiel: Eine von Emotionen durchschüttelte Masse, Wind, erzürnt und enttäuscht, eine Masse, der man schon allzu lange versprochen hat, was nicht zu halten ist – sie schrie nach dem Sündenbock. Und diesen Sündenbock präsentierte nun der "aktive Demokrat" Schellhaus.

Die Sünde des Jürgen Neven-du Mont hat darin bestanden, daß er in seiner Fernsehsendung "Polen in Breslau den durch zwei Jahrzehnte konservierten Wunschvorstellungen das Bild der Wirklichkeit des Jahres 1963 entgegengehalten hatte. Leidenschaft und Haß führten darauf zu schnellem Urteil: Nicht die Wirklichkeit ist schuld – sondern der, der sie zeigt.

Adenauer und Brandt haben sich in Köln auf die Ehrentribüne neben Erich Schellhaus gesetzt – zum letztenmal hoffentlich. Denn die Repräsentanten unseres Staates gehören nicht an die Seite der Hassenden – mögen für die Parteien dabei auch Wählerstimmen verlorengehen.

Schon einmal hat man in Deutschland das Volk gegen Sündenböcke aufgewiegelt. Damals kam dann die Kristallnacht. Und später wollte es niemand gewesen sein... H. G.