Washingtons Kreml-Experten blicken nach Moskau

Von Theo Sommer

Washington, im Juni

Die Russen sind weder allmächtig noch unfehlbar. Gegen die landläufige Vorstellung, daß sie mit erhabener Weisheit regierten und ihnen alles nach Plan gelinge, ist schon Otto von Bismarck zu Felde gezogen, als er noch preußischer Gesandter in Sankt Petersburg war. Am 11. April 1861 berichtete er nach Berlin:

"Ein Artikel der Schlesischen Zeitung veranlaßt mich zu der Betrachtung, daß in der deutschen öffentlichen Meinung eine große Überschätzung der Weisheit in der Voraussicht und der Feinheit in den Berechnungen des russischen Kabinetts vorherrscht. Die Entschließungen des letzteren werden keineswegs immer von der Höhe eines die gesamte Weltlage übersehenden staatsmännischen Standpunktes aus gefaßt. Fürst Gortschakow ist zu lebhaft, um weitsichtige und verwickelte Pläne mit steter Erwägung aller einwirkenden Momente festzuhalten, und er wird von mannigfachen sich kreuzenden Einflüssen aus den Richtungen gedrängt, die er selbst vielleicht vorziehen möchte. Das quantula scientia regitur mundus (wie wenig Weisheit genügt, die Welt zu regieren), findet auch hier in höherem Grade Anwendung, als die Zeitungskorrespondenten glauben."

Hundert Jahre danach haben die Amerikaner erleichtert entdeckt, daß für das neue Rußland Chruschtschows nichts anderes gilt als für das alte Rußland Gortschakows. Die Russen sind weder unfehlbar noch allmächtig – diese Erkenntnis tröstet Washington jedenfalls über ein gut Teil seiner augenblicklichen Sorgen hinweg. Sie macht es den Staatsmännern und Diplomaten am Potomac leichter, die Grenzen und die Fehlbarkeit der amerikanischen Macht zu ertragen. Denn wenn sie auch selber ein gerüttelt Maß an Schwierigkeiten haben, zu Hause und mit ihren Verbündeten, und wenn sie auch wissen, daß im thermonuklearen Zeitalter die Ohnmacht des einen Großstaates nicht die Allmacht des anderen bedeutet, so möchten sie doch um keinen Preis in der Haut der Kremlherren stecken.

"Es gelingt ihnen nichts mehr" – auf diese Formel bringen die Experten des State Department ihre Ansicht über die Lage der Sowjets. "Sie beherrschen die Ereignisse nicht mehr, sondern werden jetzt von ihnen beherrscht. Wohin man auch immer auf dem Globus blickt, haben die Russen Rückschläge einstecken müssen. In vielen Gebieten der Welt, von denen sie sich in den Jahren 1957 bis 1959 revolutionäre Wunder versprachen, ist der Vormarsch des Kommunismus gestoppt, verlangsamt oder gar reversiert worden."