Fehlschläge rundum

In Europa ist der Kommunismus seit 1950 nirgendwo entscheidend vorangekommen. Zwar hat er seinen faktischen Besitzstand mittlerweile durch den Bau der Berliner Mauer zementiert, doch sind die Schwierigkeiten des Zonenregimes dadurch nicht geringer geworden: Ulbricht konnte die akute Blutung stillen, aber der Organismus seiner Herrschaft ist krank wie eh und je.

Im Mittleren Osten sind die Blütenträume der späten fünfziger Jahre nicht gereift. Dort hat der Kreml über vier Milliarden Mark an Wirtschaftshilfe investiert –, vorzuzeigen hat er dafür nichts. Weder in Nassers Ägypten noch im Irak, wo eine offene kommunistische Machtübernahme eine Zeitlang unmittelbar bevorzustehen schien, hat er eine neue Bastion gewinnen können. Überall ist der sowjetische Expansionsdrang auf die Mauer des arabischen Nationalismus gestoßen. Der Prophet im Orient heißt weiterhin Mohammed – nicht Marx.

Auch in Afrika ist die kommunistische Offensive, die noch 1960 reiche Beute versprochen hatte, gründlich gescheitert. Das begann mit dem Debakel der russischen Diplomatie im Kongo und hörte mit der Entfremdung der Moskau zunächst ungemein wohlgesonnenen Staaten Ghana, Mali und Guinea auf. Allenthalben haben sich die Sowjets unbeliebt gemacht: Durch die hochfahrenden Methoden ihrer Wirtschaftshilfe (und nicht bloß durch die Lieferung von Schneepflügen an Guinea), durch die Wühlarbeit ihrer Botschaften, schließlich auch durch die Ausschreitungen gegen afrikanische Studenten an den Universitäten des Ostblocks. Die Afrikaner haben inzwischen den "häßlichen Russen" kennengelernt.

In Asien haben die Sowjets ebenfalls keine Fortschritte gemacht. Indien ist ihnen entglitten, und wo – wie in Südostasien – die Kommunisten tatsächlich Terrain gewonnen haben, sind die Geländegewinne Peking zugutegekommen, nicht Moskau.

Sogar in Lateinamerika ist der sowjetischen Infiltration der durchschlagende Erfolg versagt geblieben. Gewiß, da ist Kuba. Aber Kuba war nur ein halber Sieg – und ist obendrein ein sehr teurer Spaß. Castro kostet die Sowjets jeden Tag die runde Summe von vier Millionen Mark, und jetzt hat Chruschtschow seine ansehnliche Alimentenzahlung abermals erhöhen müssen. Hinzu kommt, daß der Fidelismus in Lateinamerika doch manches von seiner Anziehungskraft eingebüßt hat, seit Castro sich allzu deutlich ins Moskauer Schlepptau begab.

Aus mancherlei Anzeichen schließen die Sowjetologen Washingtons, daß der Kreml derzeit im Begriff ist, seine weltpolitische Strategie von Grund auf neu zu durchdenken. Zumal die Tatsache deutet darauf hin, daß die Sowjets auf der Genfer Abrüstungskonferenz wie bei den sporadischen Sondierungsgesprächen über Berlin offensichtlich "Wasser treten": Ihre Unterhändler bewegen sich mechanisch auf der Stelle, bis ihnen gesagt wird, wie es weitergehen soll.