Bei dieser schmerzhaften Überprüfung der Sowjetaußenpolitik werden sicherlich eine Reihe kritischer Fragen gestellt. Hat sich die UdSSR übernommen? Sind ihre Fronten überdehnt? Ist die kostspielige Auslandshilfe für die Staaten der farbigen Welt noch vertretbar, seitdem sich herausgestellt hat, daß sie nicht die erhoffte revolutionäre Rendite abwirft? Hat die Politik der friedlichen Koexistenz einen Sinn, wenn sie durch riskante Abenteuer à la Kuba in Frage gestellt wird? Oder umgekehrt: Haben Vorstöße nach kubanischem Muster einen Sinn, wenn die Philosophie der friedlichen Koexistenz doch die scharfe Schneide des Handelns stumpft?

Washington weiß nicht, welche Antworten der Kreml auf diese Fragen geben wird. Es weiß nur, daß die Sowjetführung sie beantworten muß. Und es weiß auch, daß die Antwort nicht leichtfallen kann – wegen der Lage in Sowjetrußland selber und wegen der Chinesen.

Sorgen im Sowjetlager

Im Innern bereitet den Sowjets nicht nur die Wirtschaft Sorgen. Da sind die aufsässigen Intellektuellen; da ist die breite Masse des Volkes, die in den vergangenen Jahren in vieler Hinsicht frischeren westlichen Wind hat verspüren dürfen und nun wieder vor "ansteckenden Kontakten" mit Menschen aus der freien Welt gewarnt werden muß; und da ist nicht zuletzt die große Unbekannte in der innersowjetischen Gleichung: die Rote Armee. Nicht, daß ihr in Washington bonapartistischer Ehrgeiz nachgesagt würde. Aber die Beobachter in der amerikanischen Hauptstadt sehen doch manche Zeichen der Unruhe innerhalb der Sowjet-Generalität – beispielsweise den Penkowsky-Prozeß und in seinem Gefolge die Absetzung des Artillerie-Oberkommandierenden. Es mag wohl sein, daß die Rote Armee heute die Bewahrung des Friedens für eine zu schwierige Aufgabe hält, als daß sie allein den Zivilisten überlassen werden könnte, und daß sie deshalb auf ein größeres Mitspracherecht drängt.

Weder innerhalb des Ostblocks. noch im Lager des Weltkommunismus überhaupt ist die führende Rolle der Sowjetunion im übrigen unbestritten. In Rumänien regt sich ein neuer Geist des Nationalismus, sogar in der Tschechoslowakei ist ein leichtes Aufbegehren gegen die Moskauer Vorherrschaft festzustellen. Am schlimmsten aber wirkt sich der sowjetischchinesische Konflikt aus: Er schwächt die UdSSR und engt ihr ohnehin schmales Manövrierfeld weiter ein. Und Washington sieht nicht, wie sich an der Handlungsfähigkeit des Kremls, in den nächsten Monaten viel ändern könnte.

Die amerikanischen Experten blicken mit milder Faszination, doch ohne übertriebene Erwartungen auf die beiden Stichdaten 18. Juni und 5. Juli – die Tage, an denen sich in Moskau erst das Plenum des Zentralkomitees und dann die sowjetisch-chinesische "Friedenskommission" versammeln werden. Die Amerikaner glauben nicht, daß die beiden Konferenzen die Signatur der Lage entscheidend verändern können. "Hier sind historische Kräfte am Werk, denen mit Resolutionen nicht beizukommen ist", sagen sie. "Mit Entschließungen lassen sich auch Fehlschläge nicht aus der Welt schaffen, und das weltpolitische Gleichgewicht können sie schon gar nicht wandeln."

So erwartet Washington, daß im wesentlichen alles beim alten bleibt. Kein offener Bruch zwischen Moskau und Peking, aber auch keine dauerhafte Versöhnung, allenfalls notdürftiges Überkleben der Risse – das ist die Prognose für die chinesisch-sowjetischen Beziehungen. Ansonsten nehmen die Amerikaner an, daß die Sowjets sich mehr als bisher nach innen wenden werden, um ihr eigenes Haus in Ordnung zu bringen. Und wenn niemand damit rechnet, daß sich der Kreml auf neue, riskante Abenteuer einläßt, so glaubt andererseits auch keiner, daß Chruschtschow sich zu einem Ausgleich mit dem Westen bequemt. Wirkliche Fortschritte sind vorläufig weder bei den Abrüstungsverhandlungen noch bei den Berlin-Gesprächen in Sicht.