Freilich richtet sich Washington darauf ein, daß die Sowjets ihre erzwungene Untätigkeit hinter einer Nebelwand harter Worte verschleiern werden. Um ihren revolutionären Eifer zu demonstrieren und um ihre chinesische Flanke abzudecken, mögen sie ihre antiwestliche Propaganda eher wieder forcieren. Vielleicht werden sie sogar versuchen, Ostberlin nun endgültig der DDR zuzuschlagen oder die westalliierten Zugangsrechte für Ostberlin aufzuheben, aber mehr dürften sie kaum wagen. "Sie werden bellen und zerren, aber nicht beißen", sagte mir ein US-Diplomat. Das heißt: Sie werden den Westen bedrängen, wo es immer geht, doch werden sie sich hüten, eine große Krise auszulösen.

Dem Westen verschafft das eine Atempause. Die Amerikaner wollen sie nützen, um auch das atlantische Haus in Ordnung zu bringen – sie wollen die Schwierigkeiten Chruschtschows nicht als Vorwand für eigenes Nichtstun gelten lassen. Im Gegenteil: Dies ist nach ihrer Ansicht der beste Zeitpunkt, die Fundamente für die zukünftige westliche Gemeinschaft zu legen. Und genau das ist der Sinn der Reise, die Präsident Kennedy Ende nächster Woche nach Europa führen wird.