Alastair Buchan: "Für eine Reform der NATC", ZEIT Nr. 21

Ich glaube, daß die bedeutsamsten Erwägungen zu Beginn des Artikels unverdient kurz zu Wort gekommen sind. Es heißt dort: Eine europäische Atommacht sei sinnlos, wenn sie mit der amerikanischen integriert sei, sie sei fragwürdig, wenn lediglich koordiniert, finanziell und technisch durchaus realisierbar, politisch aber eine Utopie, solange es keinen europäischen Bundesstaat gebe, keinen europäischen Präsidenten, sie sei zudem gefährlich, da sie die Bindung der USA an Europa lockern würde.

Hier erheben sich Einwände. Buchan spricht vom atomaren Ehrgeiz der Bündnispartner, den es durch eine Reform der NATO zu beschwichtigen gelte. Umschreibt dieses Wort nicht zuwenig verdeckt der vage Begriff nicht einen ungemein tiefgehenden Interessengegensatz zwischen den USA, die nicht für Europa allein den atomaren Untergang erleiden wollen, und Europa andererseits, welches, selbst ohne atomares Zentrum, genau das von den Amerikanern fordern muß?

Freilich geht das Gefecht mit vertauschten Fronten: Die USA versichern eifrig, daß sie zum Äußersten bereit sind, die Europäer bezweifeln es und scheinen die Psyche der USA besser zu kennen als die Amerikaner selber. Ihr Mißtrauen wird unterstützt und bestätigt von der amerikanischen Strategie des zweiten Schlages, von ihrem Willen zur Abstufung der Vergeltung, zur Umkehrung der Schwert-Schild-Strategie, die erleichtert aufatmend das atomare Chaos vermeiden zu können glaubt – durchaus zu Recht, wie ich glaube. Das und anderes steht hinter dem Verlangen der europäischen Staaten, selber atomares Zentrum zu bleiben, zu werden, welche; nicht ohne die Gefahr des atomaren Gegenschlag; angegriffen werden kann, auch nicht konventionell, da auch hier durch die Lebensmöglichkeit eines europäischen Staates sehr schnell in Fragt gestellt ist.

Es bedarf keines Beweises, daß nationale Atommächte finanziell ruinös, militärisch unglaubwürdig sind durch den Grad ihrer technischen Unvollständigkeit und Rückständigkeit. Dennoch möchte ich behaupten, ihre Abschreckung wird von der Sowjetunion höher bewertet als das Versprechen amerikanischen atomaren Einsatzes, welches in den USA selber überprüft wird.

Doch zur europäischen Atommacht. Sie sei sinnlos, heißt es, wenn integriert mit der amerikanischen Atommacht. Nur dann, wenn ein amerikanisches Veto besteht, scheint mir, sonst keineswegs. Das gewichtigere Gegenargument ist das Fehlen einer politischen Spitze, welche nicht unbedingt Präsident eines europäischen Bundesstaates sein muß. Das nationale Interesse der USA, welche allein über Atomwaffen verfügen wollen, die Zweifel Europas, ob diese US-Atomwaffe auch für uns bereit steht, gefährden das atlantische Bündnis. Aber gerade aus dieser Atmosphäre der Gärung und Unsicherheit erwächst für Europa eine ungeheure Chance, durch Wahrnehmen seiner berechtigten militärischen Interessen die Einigung Europas zu forcieren.

Rolf Krumpen, Rosenheim