Von Wolf gang Paul

Morgens waren die hochachsigen Lastwagen der Bundeswehr durch das Dorf gefahren, mittags hingen an einigen Kirschbäumen handgeschriebene Zettel, auf denen zum Manöverball eingeladen wurde (Eintritt für Herren eine Mark, Damen frei). Abends dachte ich an meinen letzten Manöverball: Ein Dorf beim Truppenübungsplatz Königsbrück in Sachsen 1939, Bier- und Zigarettendunst, die Dorfmädchen mit den langen BDM-Zöpfen, der Hauptmann, der uns für ein paar Stunden von der Kette ließ, die jungen Leutnants, die in Polen fielen, und wir, von denen noch ein paar übrig geblieben sind. Wie wir uns alle, bunt gemischt, aber ohne Offiziere, an den Händen faßten und in langer Menschenleiberschlange durch den Saal sausten, daß die letzten über Tische und Stühle stolperten, von der Schleuderkraft ihrer Disziplin beraubt.

Wir waren zu Gast in diesem norddeutschen Dorfe, und Gast war auch die Bundeswehr. Was kannte ich von ihr? Photos, Fernsehreportagen, auf der Autobahn vorbeiziehende Fahrzeuge, Panzer. Ich lebe in einer deutschen Stadt, die keine deutschen Soldaten kennt – nur an der Mauer tauchen Soldaten auf, aber ich habe nichts mit ihnen zu schaffen. Es sind nicht meine Soldaten, obwohl dort meine Neffen dienen müssen (oder wie heißt das bei der Volksarmee heute?). Meine Soldaten hat es einmal gegeben, ich war mit ihnen in Polen und Rußland, und zuletzt führte ich sie über die Kämme des Böhmerwaldes, als die Amerikaner uns nicht kapitulieren ließen, weil wir zur Ostfront gehörten, und die Ostfront gehörte den Russen, also Sibirien. Das war vor 18 Jahren gewesen, und ich hatte meine Offiziersschulterstücke und die Orden, die man mir gegeben hatte, im Böhmerwald gelassen, auf einer kleinen Tanne, die wie ein Weihnachtsbaum von den fliehenden Kameraden behängt war mit all den funkelnden Ritterkreuzen, Deutschen Kreuzen, Eisernen Kreuzen und Sturmabzeichen einer Panzerdivision.

"Mach mal Pause"

Nun kam noch einmal alles auf mich zu, denn meine Frau wollte zum Manöverball. Sie war im Krieg erwachsen geworden, da wurde nicht mit Soldaten getanzt, und Manöver gab es auch nicht mehr. Jetzt wollte sie es wissen. Ich zögerte den Gang durch das Dorf hinaus, aber dann fanden wir uns doch vor der alten Wehrmachtskantine, die im Dorf stehengeblieben war. Ringsum hatte die Aufbaulust der Leute die Baracken abgerissen und viele kleine teure Häuser hingestellt, bundesdeutsche Eigenheime, auch Bungalows genannt, und dazu die Pensionen und sogar Hotels, denn das Dorf war erst so richtig aufgeblüht, als die Zeit der Truppenübungsplätze für Deutsche vorüber schien. Hinter der Kirche aber, einem Bauwerk aus den letzten Jahren mit kühnem Gockel auf dem Turm, hatte sich die Wehrmachtskantine erhalten. Er ist der einzige große Saal im Dorfe, für Kino und Tanz und für Kurgäste, die an der Miß-Wahl teilnehmen wollen – er ist das Erbe der Wehrmacht, und die hölzernen Säulen vor dem Eingang, über den Treppen, an denen einst die Wagen vorfuhren, hatten nun Besuch aus der Vergangenheit, die längst wieder Gegenwart .geworden ist: Nun standen die neuen Kraftfahrzeuge der Truppe dort, nicht mehr die alten, die auf den Rollbahnen Rußlands blieben.

Als wir den Saal betraten, vorbei am örtlichen Kassierer, hinein in den Bierdunst, in die Zigarettenluft, ins musikalische Spektakel einer Jazzkapelle aus jungen Soldaten, vertauschte sich noch einmal die Zeit, Gegenwart wurde Vergangenheit: ich sah den Tisch auf der Empore mit den Offizieren, ich sah die Tische mit Landsern (ich nannte sofort die Soldaten Landser, obwohl sie es nicht sein können, denn Landser wird man erst im Kriege und da sei Gott vor), die Tische mit den Mädchen und die Burschen aus dem Dorfe, die auf die Mädchen aufpaßten, die ihnen gehörten, aber doch eine Nacht mit diesen fremden jungen Leuten in Uniform tanzen wollten.

Es waren Panzerleute, aber von der leichten, ganz geschwinden Sorte, sie trugen die gelb unterlegten Schulterstücke der Kavallerie von einst, also "Aufklärer", wie sie sich auf dem Einladungszettel nannten. Sie hatten keine Nummer, ihr Bataillon wurde nicht bekanntgemacht, ich bekam während der halben Nacht nicht heraus, wie die Einheit sich denn nenne. Also Aufklärer, wir nannten sie Panzeraufklärungsabteilung, es waren die Vorhuten, die ausgestreckten Fühler der Division, die Kommandos, von denen einst die Brücken erobert wurden und beim Rückzug die Brücken abgebrannt.