Ein Bekenntnis der Profumo-Freundin, das auch von Macmillan stammen könnte / von Martin Wieland

Eugen war auch mein Freund, zur selben Zeit wie Jack. Zweimal war ich mit Eugen und mit Jack an einem und demselben Tag zusammen." Ihr Verhältnis mit Eugen dauerte ein Jahr lang, und im selben Jahr von Juli bis September 1961 hatte sie auch ein Verhältnis mit Jack – gar nicht ungewöhnlich bei einem Mädchen von Christine Keelers Art. Wenn aber Jack ein britischer Kriegsminister ist und Eugen ein hoher sowjetischer Agent, dann ist es schon ungewöhnlich genug.

Die Affäre "Jack" Profumo ist vorbei. Seitdem er am 5. Juni eingestand, seine in aller Form und Feierlichkeit gegebene Unterhauserklärung vom 22. März sei eine Lüge gewesen, hat sich die Labour-Fraktion jeder persönlichen Attacke auf den zurückgetretenen Minister und entehrten Mann enthalten. Harold Wilson erklärte sofort, die persönliche Seite des Falles werde von der Opposition nicht weiter verfolgt werden – weil die Labourführung sich sagt, der Fall werde den Konservativen bei den Wählern um so mehr schaden, je weniger die Opposition den Anschein erwecke, daraus politisches Kapital schlagen zu wollen. Im gleichen Atem aber betonte Wilson, daß ein Aspekt des Falles die Sicherheit des Landes betreffe, und es sei die Pflicht der Opposition, diesen Aspekt zu klären. Damit ist die Labour-Offensive angekündigt, die mit dem Zusammentritt des Parlaments am 17. Juni beginnt. Sie könnte die Affäre Profumo in eine Affäre Macmillan verwandeln.

In den Reihen der Konservativen herrscht tiefste Unruhe. Macmillan saß am 22. März ermunternd neben Profumo auf der Regierungsbank, als dieser den Sprecher um die Erlaubnis bat, eine persönliche Erklärung abgeben zu dürfen, und dann – ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle – dem Haus versicherte, die Gerüchte über intime Beziehungen zwischen ihm und Christine Keeler seien völlig unwahr und er werde nicht zögern, mit Klagen gegen jene vorzugehen, die solche Verleumdungen weiter verbreiten. Als er sich setzte, klopfte ihm der Premierminister wohlwollend auf die Schulter.

"Love – J."

Aber wie konnte Macmillan so leichtgläubig sein? Der geheime Sicherheitsapparat – MI 5 und MI 6 – ist dem Premierminister direkt verantwortlich. Mußten ihm nicht Berichte vorliegen, die der Unterhauserklärung des Ministers widersprachen? Wie war es möglich, daß der Premierminister weniger wußte als viele Abgeordnete und Journalisten, welche "die Affäre" seit Monaten kannten und schon am 22. März wußten, daß Profumo log?

Schon im Januar hatte die Sonntagszeitung Sunday Mirror von Christine Keeler einen Brief erworben, den ihr Profumo im August 1961 geschrieben hatte. Der Brief beginnt mit "Darling", endet mit "Love – J." und ist so deutlich, daß er wohl jedes Gericht überzeugt hätte. Trotzdem aber wagte der Sunday Mirror nicht den Abdruck, zum Teil aus politischen Anstandsgründen, zum größeren Teil aus Angst vor den drakonischen Geldstrafen des britischen Verleumdungsgesetzes.