Pinchas E. Lapide: „Der Papst und die Juden“, ZEIT Nr. 22

Pinchas E. Lapide ist in seinem eindrucksvollen, mehr als aktuellen Aufsatz ein scheinbar geringer, in Wirklichkeit nicht unwichtiger Irrtum unterlaufen: Das Wort vom geistigen Semitentum stammt eben nicht von Pius XII., sondern von seinem Vorgänger, Pius XI. Wörtlich sagte Pius XI. im September 1938, ein halbes Jahr vor seinem Tode, zu belgischen Pilgern, nachdem der schwerkranke Greis, bis zu Tränen erschüttert, aus der Heiligen Schrift vorgelesen hatte: „Besseres als diese wunderbaren Worte kann es gar nicht geben. Wie kann überhaupt ein Christ Judengegner sein? Kein Christ darf irgendeine Beziehung zum Antisemitismus haben, denn wir sind doch alle im geistigen Sinne Semiten.“ Dieses Bekenntnis gehört in einem elementaren Sinne so sehr zum geistigen Porträt Pius XI., daß ich es in meinem „Lexikon der Päpste“ zitiere.

Leider hat sich Pius XII., ungeachtet seiner karitativen Tätigkeit für verfolgte Juden, nie zu einem ähnlich großartigen Bekenntnis entschlossen – und nie hat er, wie Johannes XXIII, der zur Stunde, wo ich diese Zeilen niederschreibe, in der Agonie liegt, eine schwache Andeutung gemacht, daß er sich als Bruder des leidenden, gemarterten Volkes des Alten Bundes empfinde. Dr. Hans Kühner-Wolfskehl, Berg / Thurgau (Schweiz)