Um die eine oder andere der beachtenswerten Stätten aufzufinden, an denen alle Landstriche Bayerns so reich sind, lohnt sich auch einmal eine Fahrt durch Gebiete, die der landfremde Tourist nun wirklich ganz und gar nicht kennt. Mit einer solchen gleichsam anonymen Strecke beginnt von München aus eine Zweitagereise, deren Zielstation immerhin an einem bedeutenden Punkte der "Romantischen Straße" liegen wird, jenes vielleicht meist beredeten deutschen Touristenweges, an dem es dennoch manche zu wenig gewürdigte Kostbarkeit gibt.

Gleich zu Anfang der Fahrt ein abschreckender Name: Dachau. Das Leiden- und Todeslager liegt abseits. Es wird jetzt zu einer Gedenkstätte gemacht. Kürzlich wurde dort der Grundstein zu einem Sühnekloster der Karmeliterinnen gelegt. Die architektonisch auffallende "Todesangst-Christi-Kapelle" mit der eisernen Dornenkrone wurde 1960, anläßlich des Eucharistischen Kongresses, geweiht. Schaden kann es auch dem Vergnügungsreisenden nicht, diesem Orte eine Viertelstunde ernster Besinnung zu widmen. Indessen bedeutet "Dachau" auch Freundlicheres. Als das "Dachauer Moos" noch eine phantastische Urlandschaft war, blühte um das hochgelegene Herzogsschloß und in den Niederungen der Amper jahrzehntelang eine Malerkolonie, aus der manche Berühmtheit hervorging. Zu einem heiteren Begriff wurde das Landstädtchen auch durch den Dichter Ludwig Thoma, der hier als junger Rechtsanwalt lebte und sich mit den ebenso nichtigen wie vertrackten Händeln der Bauern herumschlagen mußte, wovon er lustig genug in seinen "Bauerngeschichten" berichtet hat. Sein Denkmal steht unweit der Ortseinfahrt.

Wer in Richtung Aichach weiterfährt, sollte einen kleinen Abstecher zu dem Marktflecken Altomünster machen, das auf einem breiten Hügel liegt und herrscherlich von der doppeltürmigen Klosterkirche überragt wird. Der bayerische Spätbarockbau birgt zwar nicht so verschwenderische Schönheiten wie manche seinesgleichen, doch bietet er auf seinem gehobenen Standort einen imponierenden Anblick. Der Marienbrunnen, der in keinem größeren bayerischen Gemeinwesen fehlt, ist mit zwei zierlichen goldenen Laternen versehen.

Aber das ist nicht der einzige Grund dafür, statt der Autobahn und der sie bei Augsburg kreuzenden "Romantischen Straße", die Aichacher Straße zu wählen. Die Pointe dieses Unternehmens liegt auch nicht in den Reizen der liebenswürdigen und waldreichen Hügellandschaft, sondern am Endpunkt eines zweiten Seitensprungs von wenigen Kilometern. Bei Wollomoos zweigt ein Weg nach Sielenbach ab. Und dort befindet sich eines der originellsten Gebäude Deutschlands überhaupt: Die Wallfahrts- und Klosterkirche "Maria Birnbaum". Ihren Namen trägt sie von dem Gnadenbild, das die Dorfbewohner während des Dreißigjährigen Krieges in einem hohlen Birnbaum vor den Schweden versteckten. Der höchst merkwürdige Grundriß läßt den kuppelreichen Bau, dessen schönes Ockergelb sich wirkungsvoll vom Grün der umgebenden Bäume abhebt, wie ein Bündel zusammengeschnürter Rundtürme erscheinen, das von zwei Vierkanttürmen flankiert und von dem ebenfalls eckigen Hauptturm gekrönt wird.

Über Klingen geht es nach Aichach, einem freundlich-altertümlichen Städtchen mit pittoreskem Marktplatz und zwei barockisierten Tortürmen. Dann in zügiger Fahrt nach Rain am Lech, wo in der Stadtmitte das Denkmal des kaiserlichen Feldherrn Tilly an dessen Soldatentod hier in der Nähe, im Kampfe gegen die Schweden, erinnert. Die meisten Häuser des Ortes waren wohl noch Zeugen jener vor mehr als dreihundert Jahren weltbewegenden Ereignisse.

Auf der Bundesstraße 16 westwärts wird hinter Nordheim die "Romantische Straße", die Brücke über den Nibelungenstrom und das alte, uralte Donauwörth erreicht. Wie früh hier schon menschliche Siedlungen standen, bezeugen im Stadtforst Grabhügel aus der Stein- und der Bronzezeit. Die spätere Stadt, vorübergehend Kaiserpfalz, Reichsmünzstadt, dann freie Reichsstadt, ist von keiner Phase der deutschen Geschichte unberührt geblieben. In der Vorgeschichte des Dreißigjährigen Krieges spielte sie sogar eine entscheidende Rolle. Noch in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges wurde die Stadt zu 75 Prozent zerstört. Inzwischen ist das alte Bild fast vollständig wiederhergestellt, die prächtige historische "Reichsstraße" zwischen Rathaus und Fuggerhaus in getreuer Rekonstruktion. Es gibt immer noch eine Menge baulicher Sehenswürdigkeiten und geschichtlicher Reliquien in Stein: Beträchtliche Reste der Stadtmauer an der kleinen Wörnitz, das Riedertor, das "Färbertörl", das "Ochsentörl", den gotischen Stadtzoll, das bereits erwähnte Rathaus aus dem 13. bis 16. Jahrhundert, das Haus der Fugger, in welchem Gustav Adolf logierte, und das Café "Engel", dessen Gäste das erhebende Gefühl genießen dürfen, sich im ältesten beurkundeten Hause der Stadt und am Sitz der einstigen Wörther Meistersingerschule zu befinden ... Die schöne Barockkirche zum Heiligen Kreuz birgt das Grab der Maria von Brabant, die ihr Gatte Herzog Ludwig der Strenge 1256 aus unbegründeter Eifersucht köpfen ließ. Die Stadtpfarrkirche enthält neben anderen beachtlichen sakralen Kunstschätzen ein besonders wertvolles Sakramentshäuschen. Liebhaber kleiner Geschichtskuriosa werden aus einer Gedenktafel am Deutschordenshaus (heute zum Finanzamt herabgesunken) entnehmen, daß hier im Jahre 1696 das Hoch- und Deutschmeisterregiment gegründet wurde, dessen Ruhm sich inzwischen vornehmlich durch einen viel gespielten Marsch in aller Welt verbreitete ...

Verschwiegen sei nicht, daß auch ein aus den Kriegsprüfungen neu erstandenes modernes Donauwörth existiert, zu dem unter anderem die gepflegten Promenadenanlagen, ein Freiluftschwimmbad und eine Kanustation gehören. Hier ist der Ausgangspunkt für reizvolle Wasserfahrten auf der Wörnitz und der Donau.