Die Reaktionen des deutschen Aktienmarktes in den letzten Wochen scheinen wieder einmal denjenigen recht zu geben, die Logik und Börse als unvereinbar hinstellen. Tatsächlich wurden die Erwartungen vieler Aktionäre über die wahrscheinlichen Kursreaktionen bei Veröffentlichung wirtschaftlicher Statistiken und günstiger oder negativer Geschäftsberichte mehrfach enttäuscht.

Es begann vor einigen Wochen mit der international völlig ungewöhnlichen Reaktion der deutschen Börsen auf den Streik in der metallverarbeitenden Industrie. Nachträglich mag zwar als Erklärung dienen, daß diejenigen, die damals angesichts der drohenden Streikgefahr vorzeitig verkauft hatten, anschließend übereilt wiederkauften und damit das Bild der Börse verfälschten. Dies begründet jedoch nicht das fehlende Echo an den Aktienmärkten auf die Ende Mai veröffentlichte Entschließung der Gewerkschaft der Stahlindustrie, auf die Kündigung der Lohntarife zu verzichten. Betrachtet man die Kurse der deutschen Montanwerte, die trotz der Erholung noch immer nahe den Tiefstkursen der letzten fünf oder sechs Jahre stehen, so’scheint eine derartige Rücksichtnahme auf die schwierige Konkurrenzsituation der deutschen Stahlwerke kaum erwartet worden zu sein.

Ebenso paradox erscheint die Reaktion der Börse auf die in letzter Zeit veröffentlichten Geschäftsberichte. Auch hier sei ein kurzer Rückblick auf die Reaktion der Aktienkurse im April nach Veröffentlichung der Geschäftsberichte der IG-Farbennachfolger erlaubt: Obgleich die Mehrzahl der Aktionäre dieser Großunternehmen der deutschen chemischen Industrie bereits auf Grund der Zwischen- und Vorausberichte erfreuliche Ergebnisse erwarten konnten, wirkten sich die günstigen Zahlen und die zuversichtlichen Bemerkungen zum laufenden Jahr in einer allgemeinen Kaufbereitschaft aus.

Im Gegensatz hierzu hatte man an der Börse den Abschlüssen der beiden großen Montanunternehmen Mannesmann und Rheinstahl mit Skepsis entgegengesehen und zeitweilig sogar Dividendensenkungen erwartet. Nachdem nun in der letzten Woche die Berichte beider Unternehmen ein besseres Bild, als von den meisten erwartet, abgaben, wäre gerade bei den relativ niedrig notierenden Montanaktien eine Kursbelebung die logische Folge gewesen. Statt, dessen gingen die Kurse etwas – allerdings im Rahmen einer allgemeinen leichten Abschwächung – zurück.

Als Hauptgrund für dieses merkwürdige Verhalten der deutschen Börsen wurde der große Steuertermin vom 10. Juni angegeben, an dem vor allem die privaten Anleger, die wiederum für den Aktienmarkt entscheidend sind, in Anspruch genommen sind. Ein Vergleich der Kursentwicklung zur gleichen Zeit in den letzten Jahren zeigt, daß tatsächlich Ende Mai bis Anfang Juni eine gewisse Dürre oder gar Schwäche an der Börse vorherrschte. Unter diesem Gesichtspunkt erscheinen die Einbußen der letzten zwei bis drei Wochen nicht mehr besorgniserregend: Es kann im Gegenteil von einer bemerkenswerten Widerstandskraft gesprochen werden. Dieser Eindruck verstärkt sich noch mehr, wenn man die Kursentwicklung der einzelnen Werte seit dem Höhepunkt der Hausse, dem 13. Mai dieses Jahres, verfolgt.

Während die breite Öffentlichkeit unter dem Rückgang der VW-Aktie um 70 bis 80 Punkte und dem der IG-Farbennachfolger um 30 bis 40 Punkte steht, sind diese allgemein als Maßstab angesehenen Einbußen Ausnahmen. Die Mehrzahl der anderen Werte haben ihren Stand vom 13. Mai gut behaupten und teilweise sogar noch verbessern können. Dieses Nachziehen der international weniger bekannten deutschen Werte bei gleichzeitiger Vernachlässigung der im April und Anfang Mai vom Ausland bevorzugten internationalen Standardwerte zeigt, daß die inländischen Anleger durchaus zu Käufen bereit sind.

Es ergibt sich nun die Frage, ob aus dieser Entwicklung der letzten Wochen geschlossen werden muß, daß die deutschen internationalen Standardwerte Anziehungskraft durch die Kurssteigerungen vom April/Mai wesentlich verloren haben. Der erste Vergleich mit den in der Zwischenzeit gestiegenen holländischen und den stabilen französischen, englischen und italienischen Standardwerten scheint die Befürchtung zu bestätigen. Entscheidend ist das Interesse der amerikanischen Broker und Investmentgesellschaften, das in den letzten Wochen offensichtlich auf die holländischen Werte Unilever und Philips gerichtet war. Der Anstieg um hfl.10,–je Aktie innerhalb weniger Tage bedeutet immerhin, wenn man es in die bei uns üblichen Prozentkurse umrechnet, Kurserhöhungen um 50 bis 40 Punkte. Eine Erfahrung der letzten Jahre ist, daß Unilever und Philips fast immer um eine gewisse Zeit von Wochen oder einem Monat der deutschen Kursentwicklung vorauslaufen. Es scheint nicht ausgeschlossen, daß sich auch diesmal die amerikanischen Käufer, nachdem die holländischen Werte gestiegen sind, wieder unseren Hauptwerten zuwenden, die renditemäßig günstiger abschneiden. Für den deutschen Anleger erscheinen also die Standardwerte, vor allem die Farbennachfolger, deren Kurse 5 bis 10% unter den Höchstkursen vom 13. Mai liegen, von besonderem Interesse. W. M.