Von Reinhard Baumgart

Romane, so scheint es, dokumentieren leichter als Geschichten die seit Jahrzehnten sorgfältig beredete Krise des Erzählens. Sie dokumentieren sie und haben sie im gleichen Atemzug auch überstanden. So wurde das immer wieder geübt, von den "Verwirrungen des Zöglings Törleß" bis zum "Dritten Buch über Achim", von Virginia Woolf bis Samuel Beckett. Die Geschichte dagegen, ist sie nicht von Natur aus zäher gebunden an Konventionen? Verschleißt sie nicht immer noch, schon entschuldigt durch ihre Konzentration auf das Notdürftigste, die althergebrachten Kunstgriffe für Held und Handlung, die schöne Tradition des "Es war einmal"? Dann wäre Geschichtenerzählen tatsächlich zu einem Gewerbe geworden, in dem Routine und guter Geschmack für eine streng unverbindliche Unterhaltung sorgen. Was Literatur erst vertrauenswürdig macht, die Neuigkeiten, die nicht auswechselbaren Erfahrungen, die sie mitteilt, die hätten dann in Geschichten kein Unterkommen. Denn in alten Schläuchen hält sich hier nur verschnittener Wein.

Gegen solche Skepsis häufen sich längst die Gegenbeweise, und zu den erstaunlichsten gehört neuerdings der Erstling eines jungen Iren – Diesem Band läuft ein doppeltes und anspruchsvolles Gerücht voraus. Samuel Beckett soll sich für seine Qualität verbürgt haben. Der Autor wiederum hat sich auch noch zu Djuna Barnes bekannt. Und tatsächlich, seine Geschichten halten der fast unvorsichtig heraufbeschworenen Autorität dieser beiden Namen stand. Was von einem Erzähler unter solchem Patronat zu erwarten ist, liegt auf der Hand: Endspiele. Auch die robuste Gewalt und Frische seiner Sprache, die Prosa eines durchaus unvorsichtigen Anfangs, können darüber nicht einen Augenblick hinwegtäuschen.

"Wenn die Sonne tief steht", so wird Hofmannsthal als Motto zitiert, "leben wir mehr in unserem Schatten als in uns selbst." Der furchtlose englische Titel "Felo de se", ein Begriff aus der englischen Juristensprache, zu deutsch: Selbstmord, gibt noch genauer zu verstehen, woran hier erzählt wird und was auch der deutsche Titel bedeuten will. Geschichte um Geschichte tauchen da aus halbverdunkelten Hintergründen Figuren auf, die in der Gegenströmung treiben, nicht hin auf die Erfüllung, sondern in die Auflösung und Vernichtung ihrer Existenz. "Felo de se" – "Gegenströmung" –, das muß nicht immer auf den physischen Tod hinauslaufen. Es kann eine überhandnehmende innere Überschwemmung, durch Leere und Fremdheit, es kann auch die jähe Überschreitung aller einem Menschen bisherverbindlichen Grenzen meinen. Tödlich jedenfalls sind alle hier registrierten Erfahrungen und Abenteuer, ganz gleich ob das Leben selbst oder "nur" sein Sinn ausgelöscht wird.

Junge Mädchen treten auf, mit kühlen, verdunkelten Greco-Gesichtern, jeder Zumutung gewachsen, nur nicht sich selbst. Ungeläufiger als sie kommt uns schon jene fette alte irische Jungfer vor, die eines Märztages nackt in den heimatlichen Fluß steigt und sich, stolz fast, wegspülen läßt aus einem verödenden Leben. Einen schlesischen Weiberhelden namens Bausch wiederum, von schneidiger, fast noch wilhelminischer Heiterkeit belebt, sehen wir in Berlin und allen reichsdeutschen Provinzen Geld und Frauen sammeln, bis das Ende des Krieges auch ihn aufsaugt. Und an ganz anderem Schauplatz, in südafrikanischer Nacht, schreitet ein Antiquitätenhändler erschöpft und entsetzt zur Wahrheit, schläft mit einer farbigen Dienerin, wovon er Wochen hindurch nur geträumt hat.

Das sind einige Inhalte, und sie schmecken, wie immer in solcher Zusammenfassung, verwegen exzentrisch. Was Higgins ausbreitet, sind ja weniger Geschichten als Lebensproben, genauer: Lebenskaleidoskope, aus Bruchstücken geordnet. Zusammenhänge werden sehr plötzlich sichtbar und mit ebenso leichter Hand wieder auseinandergeschüttelt. Die Geschichten, die Figuren, der Erzähler selbst, alle sind dauernd mit ihrer Selbstauslegung beschäftigt. Wer von einer Erzählung nichts weiter als Tatsachen und ein wenig Bewegung erwartet, der geht leer aus. Und doch herrscht hier nicht etwa ein Jamessches oder Proustsches Infinitesimal der Erörterung. Eher ungeduldig, zupackend jedenfalls und oft sarkastisch fahren Higgins’ Kommentare ins pure Geschehen. Es ist der Stil der Glosse, der hier durchschlägt, spontane Intelligenz, ohne viel Zeit und Sinn für periodenfreudige Schriftlichkeit.

Wo so die Exegese in die Geschichte schon hineingebunden ist, laufen natürlich auch die "Handlungen" nicht mehr so gleichmäßig und flüssig ab wie gewohnt. Das bewegt sich eher vorwärts wie eine Serie von lebenden Bildern. Sobald nämlich Higgins eine fruchtbare Szene aufgebaut hat, möchte er sie und die Zeit für Augenblicke festhalten, um mit schwermütigsarkastischer Analyse ihre Bedeutung auszuleuchten. In allen Farben tönt er so seine Lebensausschnitte, von steinernem Grau bis zu karnevalistischem Kunterbunt. Bald zeigt er nur burleske Oberfläche – "Sevi, Kettenraucherin allerorten, brachte Bände von Proust zum Dinner mit, speiste nebenher Krabben" –, doch gleich wieder wird die Figur in Nachdenklichkeit eingesponnen wie in einen Kokon: "Dann schlief sie mit angezogenen Knien, schnappte nach Sauerstoff, wie nur Sterbende nach Luft schnappen. Aus einem derartig tiefen Schlaf, der sich ihr wieder und wieder schenkte, fein wie Flußanschwemmung, gewichtig wie Zeugenaussage, wurde sie nicht so sehr erweckt als vielmehr errettet."