Von Peter Stähle

Camp de Mailly‚ im Juni

Auf dem Truppenübungsplatz Camp de Mailly in der Champagne sorgte Frankreichs Armeeministerium für eine Überraschung: sieben Exemplare eines neuen Kampfpanzers widerlegten augenfällig die vor allem in Bonn verbreitete Behauptung, der französische "Europa-Panzer" sei noch nicht fertig entwickelt und werde ohnehin dem neuen deutschen Standardpanzer klar unterlegen sein.

Von einer überdachten Tribüne aus überzeugten sich am Donnerstag letzter Woche Offiziere und technische Experten der NATO-Mitgliedstaaten vom Gegenteil. Der Franzosen-Panzer des Typs AMX 30, in einem staatlichen Betrieb fabriziert, jagte mit mehr als 60 Stundenkilometern über die staubige Piste, kletterte im Gelände über Mauern, fuhr in Schräglage durch Sandmulden, watete durch ein 2,20 Meter tiefes Gewässer und tauchte schließlich, mit Schnorchel und Periskop versehen, vier Meter tief unter einem Flüßchen hindurch.

Dazwischen feuerten die Kampffahrzeuge aus ihren 105-Millimeter-Kanonen und bliesen – mit Raketen – Nebelwände vor sich her. Die NATO-Militärs kletterten in Kübelwagen und inspizierten die Treffer: Aus 800 bis knapp 3000 Meter Entfernung waren 30 Zentimeter dicke Panzerplatten mit jedem Schuß zielgerecht durchlöchert worden.

Mit dieser Demonstration, die tags darauf vor der internationalen Presse und dem Fernsehen komplett wiederholt wurde, hat sich die deutschfranzösische Auseinandersetzung um den besseren NATO-Tank vollends zugespitzt. Mitte Februar hatte sich Verteidigungsminister von Hassel in Munsterlager das deutsche Konkurrenzerzeugnis, den von ihm so benannten "Standard-Panzer" (Stück 1,2 Millionen Mark) vorführen lassen. Der Minister war begeistert und verkündete, die Parallelentwicklung in Frankreich sei "so weit zurück", daß ein "Zusammenbündeln" gemeinsamer Erkenntnisse nicht mehr möglich sei.

Nunmehr ist von einer raschen Auftragserteilung an die deutsche Industriegruppe in Bonn nicht mehr die Rede. Der Verteidigungsausschuß begutachtete zwar unlängst den Standard-Panzer, kann aber jetzt das französische Fahrzeug nicht einfach ignorieren. Im Herbst sollen ein Vergleichsfahren und ein Wettschießen stattfinden. Die Franzosen hoffen weiter, ihr Tank werde das obligate Kampfgefährt der NATO werden, und der ursprüngliche Gedanke der Panzer-Standardisierung werde doch noch realisiert. In Bonn wird dasselbe Ziel angestrebt – allerdings mit dem deutschen Panzer.