London, Mitte Juni

Angesagt gilt nur beim Kartenspiel doppelt. Der Weltrekordpreis von über einer Million Pfund Sterling (fast zwölf Millionen Mark), den das Londoner Auktionshaus Sotheby vorige Woche für 49 Werke des französischen Impressionismus erzielte, war allgemein vorausgesehen, und mit wenigen Ausnahmen verliefen die siebzig Minuten der Versteigerung ohne aufregende Kämpfe und Ergebnisse, nur einmal belebt durch eine Stimme aus Kalifornien, die auf direkter Leitung für ein Frauenporträt von Renoir (über eine halbe Million Mark) mitbot.

Sensationell war, daß die Sammlung selbst, unbesungen, auch in Fachkreisen kaum bekannt, seit den zwanziger Jahren im recht bescheidenen Hause eines zurückgezogen lebenden Schotten – William Cargill, Großaktionär der Burmah Oil Company – unweit von Glasgow, man könnte fast sagen: versteckt gewesen war. Eine Reihe durchs Hörensagen berühmter Bilder ist nun nach dem Tode des Eigentümers ans Licht gekommen, so die "Tänzerin in Grün" (66 X 36) von Degas, die denn auch den höchsten Preis der Auktion brachte, rund 1,2 Millionen Mark.

Es ist und ist nicht mit Erklärungen wie Kapitalsanlage, Geldentwertung und Wertzuwachs abzutun, daß die Werke des französischen Impressionismus den Markt triumphierend behaupten; man kann auch nicht gerade von Seltenheiten, selbst hervorragendster Werke, sprechen. Wie kommt es dann, daß diese Kunst, die in ihrem Geschmack und Habit, in ihrer Knochenlosigkeit und ihrem Fondantschmelz, in ihrer Unbezogenheit, ja Ahnungslosigkeit gegenüber allen Kräften der Wandlung, in unversöhnbarem, nahezu sturem Widerspruch zur Aufgewühltheit, Eckigkeit, Maßlosigkeit unserer Zeitkunst steht, keine Anzeichen von Götzendämmerung aufweist? Ist es die letzte große Leugnung des Chaos? Oder doch nur Kapitalsanlage?

Die Sehnsucht nach einer verlorenen Zeit und einem unwiederbringlichen Seelenfrieden ist mit 532 000 DM für die "Charing-Cross-Brücke" und mit 300 000 DM für die "Landschaft mit Kirche" von Camille Pissarro reichlich hoch bezahlt, aber seine Bilder stehen nun einmal, den Preisen nach, seit Jahren viel höher, als die beschaulichbescheidenen Grenzen seines Könnens erwarten ließen. Cézannes "Strohhütten von Auvers" (70 X 57), nicht genug oder zu einseitig verschlüsselt, scheinen mit 420 000 DM eher zu gering bewertet, namentlich im Vergleich mit den beiden Alfred Sisleys, von denen die "Seine bei Bougival" (51 X 70), ein wenig aufregendes Werk, den unbegreiflich hohen Preis von 400 000 DM und der nichts als freundliche "Eingang ins Dorf" (49 X 63) 275 000 DM erzielte.

Den zweithöchsten Preis der Versteigerung erreichte Monets "Eisenbahnbrücke bei Argenteuil" (58 X 97) mit 860 000 DM; sie hatte vor vierzig Jahren in New York unter viertausend Dollar gebracht – und dem Maler in den siebziger Jahren vermutlich dreihundert Francs. (Ob Picasso-Bilder in annähernd gleicher Zeit den umgekehrten Weg nehmen werden?) Dieses Bild, wie auch sonst der eine oder andere Monet, scheint sich in seiner flimmernden Leuchtkraft mit Seurat zu berühren, dessen kleine "Wiese mit Figuren" (15 X 24), eine besonders in den Gestalten nicht absolut überzeugende Arbeit, für 382 000 DM nach Italien ging, ebenso Seurats Kleiderstudie zur großen "Baignade" im gleichen Format (315 000 DM).

Einem italienischen Käufer wurde auch der Gauguin von 1888 "Drei tanzende Bretonenmädchen" (70 X 87) für rund 840 000 DM zugeschlagen; das Bild hing einmal über dem Kamin eines Eßzimmers in dem ländlichen Gasthof, wo Gauguin einen Sommer verbrachte: Es hat eine bemühte Gefälligkeit, in der sich doch die Verwesungsfarben Grünewalds und die barbarische Schroffheit der Südseebilder andeuten.