Wieder einmal ist das Genfer Abrüstungskarussell am toten Punkt angelangt. Am Montag hat die Siebzehnmächtekonferenz, die seit über einem Jahr im alten Völkerbundpalais tagt, sich selber Ferien genehmigt und eine Unterbrechung ihrer Beratungen bis Ende Juli beschlossen. Die Diplomaten sind müde; unverrichteter Dinge nahmen sie Abschied vom Genfer See. Und vielleicht ist es an der Zeit, daß wir alle Abschied nehmen von einer schönen Utopie: von der Vorstellung, daß die allgemeine Abrüstung oder auch nur wirksame Teilvereinbarungen in unserer Zeit Wirklichkeit werden könnten. Wir werden noch lange mit der Bombe leben müssen.

Es ist ein wenig erbauliches Schauspiel, das die Unterhändler der siebzehn Nationen – de Gaulles Frankreich ließ den achtzehnten Stuhl am Konferenztisch unbesetzt – der Welt geboten haben. Sie trafen sich an drei Tagen der Woche. Einer war jeweils den Problemen der totalen Abrüstung gewidmet; der zweite den Vertragsverhandlungen über die Einstellung der Atomversuche; und der dritte hieß im Diplomatenjargon der scrambled eggs day. An diesem Rührei-Tag ergingen sich die Delegationen aus Ost und West in fruchtloser Polemik, sie zerschlugen ihre Propaganda-Eier zu Omelette nach Art des Kalten Krieges.

Herausgekommen ist bei alledem so gut wie nichts – höchstens die Erkenntnis, daß dieser Weg auch nicht zum Weltfrieden führt. Solange die tiefen Interessengegensätze zwischen den beiden großen Machtblöcken nicht überbrückt sind, wird es keine Abrüstung geben. Sie kann nur das Endprodukt weltpolitischer Entspannung sein, nicht der Auftakt dazu. Die Rüstung ist nun einmal nicht die Ursache der Machtkonflikte, sondern die Machtkonflikte sind die Ursachen der Rüstung. Alles, was wir daher füglich erwarten dürften, sind Regelungen minderer Art, welche nicht den Zweck haben werden, die Bombe abzuschaffen, sondern nur das Ziel, die Bombe zu sichern.

Für all jene Menschen guten Willens und lauterer Absicht, welche den Weltfrieden über die Abrüstung herbeizuführen hoffen, bringt diese Erkenntnis einen rüden Schock. Sie haben tausendmal recht, wenn sie sagen, die Abrüstung sei noch nie in der Geschichte der Menschheit so dringlich gewesen wie heute – einfach deswegen, weil die Waffen noch nie so schrecklich waren. Das amerikanische Kernwaffenarsenal birgt Bomben und Raketengefechtsköpfe mit einer Sprengkraft von 35 Kilomegatonnen herkömmlichen Dynamits: 35 000 000 000 Tonnen TNT. Das entspricht eindreiviertel Millionen Nagasaki-Bomben, und amerikanische Statistiker haben ausgerechnet, daß ein Frachtzug, der mit der entsprechenden Menge Trinitrotuluols beladen wäre, fünfzehnmal zum Mond und wieder zurück reichte. Das russische Atom-Arsenal wurde im Westen, bevor noch die Sowjets ihre Mammutbomben bauten, auf 20 Kilomegatonnen geschätzt. Wir leben also wirklich in einer explosiven Welt. Und hinter der Anhäufung des Sprengmaterials ist das technische Raffinement der modernen Trägerwaffen nicht zurückgeblieben.

Weil die heutigen Waffen aber so schrecklich sind, ist die Abrüstung nicht nur dringlicher geworden – sie ist auch viel, viel schwieriger geworden. Dieselben Umstände, die den Zwang zur Abrüstung erhöhen, erschweren auch die Einigung darüber. Ein schlechtes Abkommen, schlecht ausgehandelt oder schlecht durchgeführt, wäre heute schlimmer als gar keines, denn jeder Staat, der es strikt einhielte, würde damit auf Gedeih und Verderb jenem Partner ausgeliefert, der sich vornähme, es zu durchbrechen.

Dies ist einer der beiden Punkte, an denen in den vergangenen Jahren noch jede Konferenz gescheitert ist, obwohl sich längst beide Supermächte zu dem Ziel der totalen Abrüstung bekannt haben. Kontrolle ist heute notwendiger denn je, weil jede Macht, die auch nur ein Zehntel ihrer Atomraketen versteckte, sich gegenüber den Abgerüsteten zum Herrn der Erde aufwerfen könnte. Dies Risiko will und darf niemand laufen. Gerade hier aber haben die Sowjets bisher dem Westen keine befriedigenden Zusicherungen gemacht. Sie beharren weiterhin darauf, daß sie bei Beginn der Abrüstung ihren gesamten Rüstungsstand nur deklarieren, ihn aber nicht inspizieren lassen wollen; inspiziert werden sollen nur die in jeder Phase tatsächlich abgerüsteten Waffen. Auf den ingeniösen amerikanischen Zoneninspektionsplan des Harvard-Professors Sohn haben sie sich bisher nicht eingelassen; sie betrachten auch ihn als "legalisierte Spionage".

Die andere Schwierigkeit liegt in den unvereinbaren Zeitphasenplänen des Westens und des Ostens. Die Sowjets wollen die totale Abrüstung ‚binnen drei Jahren verwirklichen und dabei in den ersten fünfzehn Monaten schon sämtliche Kernwaffen abschaffen (auf denen die westliche Sicherheit beruht); die Amerikaner schlagen drei Dreijahresphasen vor, in denen die Kernwaffen und die konventionelle Rüstung (auf der das sowjetische Sicherheitsgefühl und des Kremls Vormachtstellung in Europa basiert) jeweils um ein Drittel vermindert werden sollen.