Wenn kurz nach 13 Uhr die Kursfeststellung beendet ist, beginnt für die Besucher der Pariser Börse – die Unterhaltungsstunde. Es ist nichts mehr zu tun. Die Umsätze halten sich auf einem sehr niedrigen Niveau, an manchen Tagen nimmt der Handel in Renten und Obligationen mehr Kapital in Anspruch als die Umsätze an den Terminmärkten in Aktien. Von echter Tendenzbildung kann unter diesen Umständen kaum mehr gesprochen werden. Das Börsengeschehen löst sich in Einzelbewegungen auf. Kapitalerhöhungen, die früher Kurserholungen ausgelöst haben, werden nun häufig mit kleinen Kursverlusten honoriert. Die Störungen am Markt der Bezugsrechte halten an. Alle Kapitalerhöhungen können zwar durchgeführt werden, aber Bezugsrechte notieren zu Beginn gewöhnlich unter Parität, um alsdann, wenn die Notierungsfrist ausläuft, wieder auf den rechnungsmäßigen Wert anzuziehen. Soweit noch von einer Bevorzugung einzelner Aktienkategorien gesprochen werden kann, läßt sich Interesse für konsumnahe Unternehmungen, Lebensmittelbetriebe, Warenhäuser und andere Warenverteilungsorganisationen beobachten. Gelegentlich finden Anlagekäufe in Banken, teilweise auch vom Ausland, und in den großen internationalen chemischen Werten, deren Kurse auf interessantes Renditenivaeu abgefallen sind, statt.

Obwohl die Regierung erreicht hat, was sie zu Beginn dieses Jahres beabsichtigte: die Spekulation in Aktien zu entmutigen, um auf die Anlage in festverzinslichen Werten hinzuweisen –, beginnt die Verödung der Börsen nunmehr auch ihr Sorge zu bereiten. Der Privatkapitalist hat sich zwar vom Aktienmarkt zurückgezogen, aber er hat trotzdem keine Obligationen gekauft. Festverzinsliche Werte bleiben für die Kapitalsammelstellen reserviert. Entscheidend ist aber, daß die private Unternehmerinitiative durch die Verödung der Börsen empfindlich getroffen wurde. Es wird nicht leicht sein, ihr neuen Auftrieb zu geben.

Im wesentlichen werden als Reformvorschläge vier Maßnahmen empfohlen: Den Depotbanken soll die Möglichkeit gegeben werden, 5 bis 10 % ihrer Depots langfristig zu kreditieren. Von diesem Betrag darf die Hälfte der Notenbank zur Beleihung eingereicht werden. Die Expertenkommission rät ferner, die Ausgabe von mit Gewinnbeteiligungen ausgestatteten Obligationen, zu genehmigen. Auf diesem Wege soll die Abneigung des Privatkapitals gegen Anlage in festverzinslichen Werten überwunden werden. Alsdann soll, endlich, das lange vorbereitete Dekret für die Befreiung von Einkommen aus festverzinslichen Werten, soweit dies Einkommen nicht 1000 Frs. übersteigt, für Privatpersonen in Kraft treten. Schließlich ist beabsichtigt, offene Investmenttrusts mit variablem Kapital zu erlauben.

Nur diese letzte Maßnahme würde unmittelbar zu einer Belebung des Börsengeschäftes beitragen, indem sie zu einer Demokratisierung der Eigentumsbildung verhilft. Die große Sorge des Privatkapitals aber würde auch sie nicht überwinden können: denn sie besteht in der Furcht vor der Einschränkung der Wirtschaftsfreiheit – dem Übergang zu einem System, das man verschämt als "economie concertée" bezeichnet –, einer Tendenz zum Staatskapitalismus mit allgemein planwirtschaftlicher Beeinflussung über den Vierjahresplan hinaus, dessen Ziele von der Wirtschaft bisher nicht als Hemmung empfunden wurden. RETLAW