er Kinderpsychologe Fritz Redel berichtete vor einigen Jahren über ein Experiment, bei dem er einen Jungen mit masochistischen Neigungen in eine Gruppe normaler, miteinander befreundeter Knaben gebracht hatte. Wenige Wochen darauf waren aus den Freunden von einst erbitterte Feinde geworden, bei den Mitgliedern der Gruppe zeigten sich abnorme sadistische Tendenzen, Spannungen entstanden, und schließlich löste sich die Gemeinschaft auf. Die masochistische Neigung des Unruhestifters hatte sich durch den Kontakt mit der Gruppe noch verstärkt.

Zu einem ähnlichen Resultat kam der amerikanische Psychologe Victor Derenberg jetzt bei Versuchen mit Ratten. Emotionell gestörte junge Ratten, die Professor Derenberg mit gesunden gleichaltrigen Tieren zusammenbrachte, waren nach einigen Tagen verstörter und gehemmter als zuvor, während die Spielfreudigkeit und Agressivität der emotionell ausgeglichenen Ratten deutlich zugenommen hatte.

Wie man bei Ratten zwischen emotionell gestörten und normalen Tieren unterscheiden kann, erklärt der amerikanische Forscher in der letzten Ausgabe der Zeitschrift "Scientific American". Er benutzt dazu den "open field test": Die Tiere werden drei Minuten lang in eine ihnen ungewohnte Umgebung gebracht, in einen Kasten, der wesentlich größer als ein gewöhnlicher Laboratoriumskäfig ist. Der Boden des Kastens ist in quadratische Felder eingeteilt, und die Zahl der verschiedenen Quadrate, die von dem Tier während des Testes überquert werden, ist das algebraische Äquivalent für die Neugier, für die Unbefangenheit, mit der die Ratte das Terrain sondiert. Scheue, verklemmte Tiere bleiben in einer Ecke des Kastens hocken.

Solche "Duckmäuser" sind zum Beispiel die Kinder von verängstigten Rattenmüttern. Doch dabei spielt die Vererbung kaum eine Rolle, denn auch die Jungen von springlebendigen Eltern entwickelten sich zu scheuen und kontaktarmen Tieren, wenn man sie gleich nach ihrer Geburt von emotionell gestörten Stiefmüttern aufziehen ließ.

Emotionell gestört waren auch Ratten, die ihre 21 tägige Säuglingszeit mit ihrer Mutter in einem Einzelkäfig verbracht haben. Normal dagegen entwickelten sich solche Einzelkinder, denen man während der frühen Entwicklungsperiode täglich für ein paar Minuten Abwechslung verschafft hatte. Als Abwechslung genügte schon ein leichter elektrischer Schlag, den man den Tieren ein- oder zweimal pro Tag versetzt.

Mit der Auswirkung von Jugenderlebnissen auf das spätere Verhalten von Ratten haben sich auch die beiden amerikanischen Psychologen Jack T. Tapp und Hal Markowitz befaßt. Sie stellten fest, daß es auf die Lernfähigkeit der Tiere keinen Einfluß hat, ob man ihnen während der ersten Lebenstage Abwechslung verschafft oder nicht. Dagegen zeigten sich Unterschiede im Hirngewicht; Es war signifikant geringer bei Ratten, deren früheste Kindheit eintönig gewesen ist. Diese Gewichtsunterschiede bestanden jedoch nur in jenen Hirngebieten, die für die Steuerung des emotionellen Verhaltens verantwortlich sind.

Die Ergebnisse der psychologischen Rattenversuche stimmen mit dem überein, was das Zoologen-Ehepaar Harlow in einer langen Reihe von Experimenten mit Affen festgestellt hat (siehe DIE ZEIT Nr. 49/62): Auch für Tiere gilt, was die Psychologen gern den Menscheneltern predigen – die Erlebnisse im Säuglingsalter haben einen ganz entscheidenden Einfluß auf das emotionelle Verhalten im späteren Leben. -ow