Von Willi Bongard

Ich verstehe nichts von Motoröl und vermute, daß ich in diesem Punkt das Schicksal vieler meiner Mitmenschen teile. Ich denke auch nicht daran, den 6. Welt-Erdöl-Kongreß zum Anlaß zu nehmen, mich über den Begriff "Mehrbereichs-Heavy-Duty-Öl" oder über die geheimnisvolle Wirkung sogenannter "Additives" belehren zu lassen. Was insbesondere die Möglichkeiten zur Vermeidung von Verbrennungsrückständen im Motor – unter besonderer Berücksichtigung der Kolbenringe – betrifft, so ziehe ich es vor, im Zustand geistiger Unschuld zu verharren.

Mir scheint, daß es nicht im Sinne der modernen, arbeitseiligen Verkehrswirtschaft sei, daß sich ein Autofahrer den Kopf der Mineralölindustrie zerbreche und in die Geheimnisse der Motorwissenschaft eindringe. Um so größer das Vertrauen, das ich bisher in die Betriebsanleitung meines Wagens und die Beteuerungen der Mineralölanzeigen gesetzt habe. Bisher! Denn seit einigen Wochen scheint mir dieses Vertrauen nicht länger gerechtfertigt.

"Jetzt ist jeder zweite Ölwechsel überflüssig", ließ sich die British Petroleum Company (BP) vernehmen und empfahl sich mit einem neuartigen Motoröl: "Wer bisher alle 2500 Kilomter dran war, braucht mit BP-Longlife nur noch alle 5000 Kilometer zur Ölwechsel-Prozedur."

Kaum hatte die BP ihre frohe Werbebotschaft verkündet, da meldeten sich auch die übrigen Mineralölgesellschaften zu Wort und versicherten, daß auch ihr Öl länger als die von den Automobilherstellern empfohlenen Ölwechsel-Intervalle reiche. Selbstverständlichkeiten seien keine Sensationen! "Unser Öl tut auch nach zehn- oder fünfzehntausend Kilometern immer noch seinen Dienst" (Esso).

Im gleichen Atemzug verschanzen sich die Ölfirmen jedoch hinter der Automobilindustrie: "Beachten Sie stets die Vorschriften des Fahrzeugherstellers" (Esso). – "Ölwechselzeiten können nur vom Hersteller Ihres Automobils bestimmt werden" (Shell). – "Wer gut beraten sein will, richtet sich nach den vom Hersteller seines Fahrzeuges empfohlenen Ölwechselzeiten" (Aral).

Was stimmt denn nun? Wem soll der Autofahrer glauben? Den Beteuerungen – langen Lebens – der Mineralölindustrie? Oder den Empfehlungen der Automobilhersteller? Als Autofahrer möchte ich wissen, woran ich bin. In Geldsachen hört – spätestens seit David Hansemann – die Gemütlichkeit auf. Schließlich macht es einen Unterschied, ob ich alle 2500 oder nur alle 5000 (oder gar 15 000) Kilometer dran bin.