Die innenpolitische Unsicherheit verursachte an der Börse den größten Kurssturz innerhalb eines Tages seit der Kuba-Krise im vergangenen Oktober. Die Jobber handelten wegen der Profumo-Affäre und der damit verbundenen Sicherheitsvorkehrungen (der zurückgehetene Kriegsminister unterhielt bekanntlich Beziehungen zu einem Call-girl, das wiederum mit einem russischen Attaché in Verbindung stand) so übernervös, daß sämtliche Aktien mehr als nötig im Kurs sanken. Der Financial-Times-Index verlor 7,7 Punkte. (Am Tag der Kuba-Blockade war der Verlust mit 7,8 Punkten kaum größer.)

Diese unrealistische Kursherabsetzung durch die Jobber ist dadurch zu erklären, daß sie sich gegen größere Verkaufsorder schützen wollten, weil nach der letzten politischen Entwicklung eine Herbstwahl unwahrscheinlich geworden ist. Die Baisse wurde durch prompte, spekulative, kleine Verkaufsorder ausgelöst, die sich wie eine Lawine ausbreiteten.

Doch inzwischen wurden die Kursverluste wieder aufgeholt. Als Gründe wurden angeführt: 1. der Bericht des Schatzkanzlers über die Wirtschaftsaussichten hat die Anleger beruhigt, 2. die City glaubte von vornherein, daß Mr. Macmillan, genannt Super-Mac, und seine Regierung die kommenden Debatten über den Profumo-Skandal überstehen würden.

Bisher hat die Londoner Börse abwechselnd unter Einfluß von politischen und wirtschaftlichen Faktoren gestanden. Daher auch die uneinheitlichen Tendenzbewegungen. Als Anleger kann man sich heute eigentlich nur noch wundern, wieso innenpolitische Befürchtungen über eine expandierende Wirtschaftskonjunktur triumphieren und sich börsenmäßig negativ auswirken können. Mag sein, daß die britische Wirtschaftsbelebung langsamer verläuft, als man sie gerne sehen möchte. Aber der Schatzkanzler hat deutlich gesagt, daß seine Maßnahmen für eine Expansion eine Anlaufzeit benötigten. Nach und nach würde die Erholung, welche die Automobil- und Bauindustrie bisher am stärksten umfaßte, auch alle anderen Sektoren einschließen.

Wirtschaftliche Befürchtungen braucht man also vorerst nicht zu hegen. Es wird weder eine Pfund-Krise noch einen Diskontsatz von 7 % geben. Die britische Regierung erfreut sich nicht nur der Unterstützung des International Mcnetary Fund (IMF). Sie betreibt auch eine zur Zeit recht wirksame "Planungspolitik". Doch es ist schwierig zu sagen, ob das Schlimmste vorüber ist. Im Augenblick ist nicht die Labour-Partei (Gefahr der Verstaatlichung) das heiße Eisen für die Börse, sondern der Profumo-Skandal in den eigenen Regierungsreihen, der die Gemüter und die Börse bewegt. Man sollte aber annehmen können, daß von dieser Seite nicht wieder ein ähnlicher Kurssturz hervorgerufen wird. Die Börsenstimmung ist zur Zeit ruhig und gespannt. Kurzfristige Aussichten: Weiterhin gute Geschäftsberichte, Dividendenerhöhungen, eine expandierende Wirtschaft, jedoch innenpolitisch weiter Unsicherheit. Grundton an der Börse: fest.

D. S.