Von Anthony Sampson

Schon immer entstammten die Führer der Tories dem begüterten Adel und dem wohlhabenden Mittelstand. Auch heute stehen an der Spitze der Partei noch genauso viele Aristokraten wie vor dem letzten Krieg. Und doch hat sich etwas Neues entwickelt – die Machtverteilung innerhalb der Partei ist grundlegend verändert.

Am wichtigsten ist dabei dies: Der Einfluß der wohlhabenden Familien und der Geschäftsinteressen hat sich verringert; der Einfluß der Berufspolitiker und des Parteiapparats ist gestiegen. Seit 1948 ist es den konservativen Kandidaten untersagt, im Wahlkampf mehr als hundert Pfund (rund 1130 Mark) auszugeben. Seitdem können die reichen Familien die Wahlkämpfe nicht mehr beherrschen; die Macht der Parteizentrale ist entsprechend gewachsen. Zwar gibt es immer noch viele Wahlkreise, in denen Wähler den "alten Dynastien" die Treue halten, auch sitzt noch heute eine erkleckliche Zahl von Peers-Söhnen im Unterhaus. Aber der Krieg hat doch einen großen Teil der adeligen Abgeordneten hinweggeschwemmt und eine neue Garnitur mittelständischer Politiker an die Spitze getragen.

Zweierlei kennzeichnete die alte Tory-Tradition: ein Zug der Größe und ein Anflug von Gelegentlich zeigt er eine gewisse Widerspenstigkeit gegenüber der eigenen Partei. So spricht er mit witziger Abneigung vom "Tiefen Süden" – den Hochburgen des rechten Flügels an der Südküste Englands – und bezeichnet sich gern als Nicht-Konservativen oder als "romantischen Tory" von der Art Disraelis. Überhaupt hat er eine Abneigung gegen den Begriff"Konservativer". Er, der sogar einmal ein Schauspiel über die Hebriden geschrieben hat, liebt es, seine schottische Abstammung zu betonen. Manchmal meint er von sich, er stünde für seine Partei viel zu weit links, und tatsächlich haben ihn, als er Kolonialminister war, die Rechten mehr als einmal heftig attackiert. Aber nie war seine Stellung wirklich gefährdet, denn mehr und mehr gewann er die Unterstützung der jüngeren Konservativen. In allen größeren Fragen – sei es Afrika oder sei es der Gemeinsame Markt, zu dem er übrigens erst ziemlich spät bekehrt wurde – ist es seine Taktik, so lange zu warten, bis er genügend Unterstützung gefunden hat. Macleod weiß, daß ihm die Ausstrahlungskraft eines Macmillan oder eines Eden fehlt und daß er, sollte er die Führung der Konservativen übernehmen, nie versuchen darf, der Partei seinen Willen aufzuzwingen.

Richard Austen Butler, Macleods Hauptrivale im Kampf um die Führung der Konservativen, hat seit 30 Jahren die verschiedensten Formen der konservativen Politik verteidigt. Er ist sowohl im Guten wie im Schlechten ein Beschwichtigungspolitiker gewesen: Er hat Hitler und Franco nachgegeben – aber auch Gandhi.

Sein Ruf, den Dingen auszuweichen, ist im Verlauf der Jahre gewachsen: In ein und demselben Satz kann er andeuten, daß er sowohl gegen als auch für den Gemeinsamen Markt ist. In Parlamentskreisen erzählt man sich gern die Geschichte, wie er im Unterhaus, nach der genauen Uhrzeit gefragt, das ehrenwerte Mitglied wegen dieser Frage lobt, sich mit den verschiedenen Möglichkeiten der Zeitmessung auseinandersetzt und von ganzem Herzen die Bedeutung des Chronometers gutheißt – aber die eigentliche Frage unbeantwortet läßt. Diese Eigenschaft, sich nicht festzulegen, mag ihn jetzt der zu fangen versuchte, drängten die "jungen" Tories, die er selber in die erste Linie gebracht hatte, weiter nach vorn. Macleod ist einer dieser neuen Konservativen, die zwar Rivalen sind, aber dennoch von sich selbst als "wir" sprechen. Die anderen vier sind Thorneycroft, Maudling, Heath und Powell.

Peter Thorneycroft im Luftfahrtministerium ist derjenige, der dem alten Stil am meisten entspricht: Eton, aktiver Soldat, mit einer italienischen Grafin verheiratet. Hinter seiner freundlichen Art verbergen sich große Fähigkeiten und feste Prinzipien, die ihn 1957 veranlaßten, das Amt des Schatzkanzlers aus Protest gegen Macmillans zu nachgiebige Politik abzulehnen. Seitdem muß er sich langsam wieder nach oben arbeiten.