/ Von Thilo Koch

Ist John Kennedy ein großer Präsident? Er ist ein guter Präsident, ein tüchtiger, kluger, außerordentlich fleißiger Präsident. Jene Größe jedoch, die manche von ihm erwarteten, hat er noch nicht gezeigt. Er ist kein Roosevelt. Doch unterschätzte ihn James Reston, der brillante Leitartikler der New York Times, als er schrieb: "Kennedy spricht wie Churchill, aber er handelt wie Chamberlain." Mindestens seit "Kuba II", der ersten, tödlich ernsten Konfrontation der beiden großen Atommächte im Herbst vorigen Jahres, sollte es niemandem mehr erlaubt sein, den Namen John Kennedy mit der beschämenden Nachgiebigkeit des britischen Premierministers gegenüber Hitler in München in Verbindung zu bringen. Kennedy hat oft gezögert; Kennedy hat falsche Entscheidungen getroffen; Kennedy ist peinlich oft schlecht beraten worden. Dennoch ist über jeden Zweifel erhaben, daß dieser Mann kein Schwächling und kein Feigling ist – und auch kein Hamlet. Er liebt die Macht; er hat sie gesucht und errungen; er weiß sie zu gebrauchen.

Zweieinhalb Jahre steht John Fitzgerald Kennedy jetzt an der Spitze der mächtigsten und reichsten Nation unserer Zeit; am nächsten Wochenende kommt er zum erstenmal als Präsident der Vereinigten Staaten nach Deutschland. Zweieinhalb Jahre hat er in dem berühmten ovalen Arbeitsraum des Weißen Hauses in Washington, den man einmal das einsamste Zimmer der Welt genannt hat, gesessen und gearbeitet, und oft fiel noch spät in der Nacht das Licht seiner Schreibtischlampe durch die großen Fenstertüren in den Rosengarten am Westflügel. Man hat ausgerechnet, daß Präsident Kennedy in einer durchschnittlichen Arbeitswoche mehr als 50 prominente Besucher empfängt, etwa 200 Briefe persönlich unterschreibt und manchmal im Text erheblich ändert; daß er mehr als 30 Telephongespräche pro Tag führt, da er den direkten Kontakt mit vielen seiner Mitarbeiter schätzt; daß er rund 60 Stunden in der Woche "offiziell" arbeitet, darüberhinaus aber auch in den Wohnräumen des Weißes Hauses selten ohne Lektüre oder politische Besucher anzutreffen ist.

Kalte Intelligenz

Selbst für einen gesunden Mann seines Alters wäre das ein hartes Pensum, aber Kennedy ist kein gesunder Mann. Als Student hatte er sich bei dem sehr rauhen amerikanischen Football einen Wirbelsäulenschaden geholt, den eine Kriegsverletzung dann verschlimmerte – im Zweiten Weltkrieg, als Kennedy im Pazifik ein Schnellboot kommandierte (die Geschichte vom Untergang seines Schiffes und von der Rettung eines Teiles der Besatzung durch ihren jungen Kapitän kennt heute jedes amerikanische Schulkind). Als John und Jacqueline Kennedy jung verheiratet waren, mußte sich der damalige Kongreß-Abgeordnete einer komplizierten Wirbelsäulenoperation unterziehen. Er war nahezu total gelähmt, und es ging um Tod oder Leben. Auf Krücken führte er damals seinen Wahlkampf um den Senatorensitz des Staates Massachusetts.

Ein amerikanischer Präsident wird natürlich medizinisch sehr umsichtig betreut. Es heißt, daß Kennedy täglich mindestens 30 Minuten schwimmt – zumeist in einem Schwimmbecken im Kellergeschoß des Weißen Hauses, und zwar kurz vor dem Mittagessen. Dieses konsequente Training mag bewirkt haben, daß sich sein schweres Rückenleiden nicht verschlimmert hat. Dennoch – als John Kennedy sich vor einigen Wochen bei einem deutschen Besucher, der selbst eine schwere Kriegsverwundung erlitten hat, teilnehmend nach dessen Schmerzen erkundigte, fügte er hinzu: "Ich weiß, wovon Sie sprechen; ich selbst fühle mich selten frei von Beschwerden."

Kennedy zeigt im persönlichen Auftreten keine ungewöhnliche oder übertriebene Eitelkeit. Sicherlich ist er dennoch nicht frei von dieser Eigenschaft, die so manchen in die vorderste Reihe der Politik führt. Die Kritiker und die Bewunderer des Präsidenten stimmen jedenfalls darin überein, daß er ungewöhnlich sorgfältig auf das bedacht ist, was die Amerikaner "image" nennen – auf das "Bild", das die Öffentlichkeit von ihm bekommt. Seine persönliche Ausstrahlung ist groß und wird besonders vom Fernsehschirm günstig reflektiert und potenziert. Dieser Tatsache verdankt Kennedy letzten Endes auch seinen Sieg über Nixon. Er kennt seine Wirkung, und er setzt sie bewußt und planmäßig ein. Er hat Berater, die das ganze Wissen der Psychologie und der Werbetechnik der Herausbildung des "Kennedy-Look" dienstbar machen. Hierin kommt ein Raffinement zum Ausdruck, das ebenso charakteristisch ist für die Persönlichkeit des Politikers Kennedy wie für die Politik des Menschen John Kennedy.