T. K., Washington, im Juni

Gewöhnlich wird Präsident Kennedy von seinen deutschen Besuchern nicht gerade durch Schlagfertigkeit und Humor verwöhnt. Unser Bundesminister für Wissenschaft und Forschung brachte ihn zum Lachen, als er auf Kennedys Frage, wie man ihn denn wohl in Deutschland empfangen werde, antwortete: Etwa so, als wenn Kolumbus heute noch einmal nach Amerika käme,

Es muß hervorgehoben werden, wie sehr und wie rasch es Hans Lenz gelang, bei seinen amerikanischen Gesprächspartnern Sympathie und Verständnis zu wecken. Gerade er kam ja mit verhälnismäßig leeren Händen. Die USA wären sehr gern bereit, auf vielen Anwendungsbereichen der modernen Forschung mit der Bundesrepublik enger und produktiver zusammenzuarbeiten. Aber was haben wir zu bieten? Unser legendäres Wirtschaftswunder hat leider die einstmals führende deutsche Wissenschaft und Technik weit hinter sich gelassen. Bundesminister Lenz traf dennoch auf ein erstaunlich großes Kapital an amerikanischem Vertrauern, ja an Bewunderung.

Man gibt es hier nicht gern öffentlich zu, aber man weiß es um so genauer, daß die Grundlagen heutiger militärischer Macht in Deutschland entstanden sind. Noch immer arbeiten deutsche Raketenspezialisten an den anspruchsvollsten amerikanischen Entwicklungen. Aber auch die großen Wegbereiter der Atomwaffen wie Oppenheimer und Teller verdanken ihr Wissen in entscheidendem Maße deutschen Forschern.

Diesem Prestige aus der Vergangenheit läßt sich in der deutschen Gegenwart wenig entgegensetzen. Wenn Bundesminister Lenz feststellen mußte, daß es für eine deutsche Zusammenarbeit mit NASA, der amerikanischen Raumfahrtbehörde, noch keine rechte Basis gibt, dann liegt das vor allem an der Rückständigkeit unserer Forschung auf diesem Gebiet.

Die Amerikaner beobachten sehr sorgfältig und manchmal eifersüchtig die Luftfahrtentwicklung in Europa. Kaum bestellt Pan American Airways einige Exemplare des geplanten britisch-französischen Überschallverkehrsflugzeuges, da erklärt Präsident Kennedy, daß Staat und Privatwirtschaft gemeinsam ein besseres amerikanisches Überschallverkehrsflugzeug bauen müßten. Wir Deutschen reden auf diesem Gebiet nicht mehr und noch nicht wieder mit. Unser Staatshaushalt behandelt Forschung und Wissenschaft stiefmütterlich, und unsere Privatwirtschaft ist noch nicht bis zu diesen Aufgaben vorgedrungen.

Die großen Stiftungen aus Überschüsse! der führenden Unternehmen sind eine der Geldquellen für Forschung und Lehre in Amerika. Bundesminister Lenz weiß das und würde gern auch in der Bundesrepublik die Industrie zu Stiftungen ermutigen. Wie wenig aus unserem angespannten Bundeshaushalt für die Bereiche seines Ministeriums herauszuholen ist, weiß keiner besser als er. Sicherlich macht sich auch der Hauptgesprächspartner des Ministers, Jerome Wiesner, darüber keine Illusionen. Lenz fand den Sonderberater des Präsidenten für Probleme der Wissenschaft außerordentlich gut über die Lage in den europäischen Ländern informiert.