A. M., New York, im Juni

Die Vereinigten Staaten, die sich als Geburtsland der Erdölindustrie betrachten, sind das bei weitem wichtigste Erdölproduktions- und -verbrauchsland geblieben, obwohl sie ihre frühere Stellung als Versorger des Weltmarktes verloren haben. Durch die starke Verbrauchssteigerung in der Nachkriegszeit wurden sie selbst zu einem ölimportland. Der amerikanische Anteil an der Weltölproduktion und am Weltverbrauch ist mit dem Aufkommen des Mittelostöls, der Steigerung der sowjetischen Produktion und der außerordentlichen Bedarfszunahme Westeuropas in einem ständigen Rückgang begriffen. Die Rohölproduktion der Vereinigten Staaten machte im Jahre 1962 aber noch immer knapp ein Drittel der gesamten Weltproduktion aus, während ihr Anteil am Verbrauch sich auf etwas über 40 % stellt.

Das produktions- und verbrauchsmäßige Übergewicht der Vereinigten Staaten ist jedoch noch größer, wenn das in Verbindung mit Erdöl produzierte Erdgas in Betracht gezogen wird. Es ist ja nichts anderes als "Erdöl in gasförmigem Zustand". Das Erdgas ist in den USA in immer stärkerem Vordringen begriffen. Mehr als 70 % der Erdgasgewinnung und des Erdgasverbrauchs der gesamten Welt werden von den Vereinigten Staaten in Anspruch genommen, die den Vorteil haben, über große Erdgasreserven im eigenen Lande zu verfügen, von denen sie in vollem Umfang Gebrauch machen können. Die Erdgasreserven der anderen großen Ölgebiete – vor allem des Mittleren Ostens, Nordafrikas und Venezuelas – können mangels eines entsprechend großen Bedarfs in wirtschaftlich erreichbarer Nähe nur in sehr beschränktem Umfang verwertet werden. Westeuropa kann infolge der Schwierigkeit des Erdgastransportes auf große Entfernungen bisher keinen Gebrauch von dem Erdgasanfall des Mittleren Ostens und Nordafrikas machen. Die Sowjetunion beginnt jetzt, dem amerikanischen Beispiel zu folgen und das Erdgas durch ein großes binnenländisches Pipelinenetz für die Energieversorgung nutzbar zu machen.

Die Vereinigten Staaten teilen die Ölzone des Karibischen Meeres, in der die großen amerikanischen Ölfelder gelegen sind, mit anderen mittel- und südamerikanischen Anliegerstaaten, vor allem mit Mexiko und Venezuela. Mit einem Anteil von 14 % an der gesamten Weltproduktion hält Venezuela jetzt die Stellung des drittgrößten Produktionslandes, nachdem die Sowjetunion die Leistung Venezuelas im Jahre 1961 zum ersten Male überflügelte. Für den freien. Weltmarkt, das heißt die Welt ohne Ostblock, ist Venezuela das wichtigste Versorgungsgebiet, dessen Produktion diejenige Kuweits, des größten mittelöstlichen Produzenten, um nahezu das Doppelte übersteigt. Gegenüber dem Gesamtgebiet des Mittleren Ostens jedoch verliert Venezuela an Bedeutung. Venezuelaöl deckt heute vor allem den Importbedarf der Vereinigten Staaten und anderer mittel- und südamerikanischer Länder. Der Export nach Westeuropa, Afrika und Asien spielt keine große Rolle mehr, nachdem die östliche Halbkugel weitgehend auf die Versorgung mit Mittelostöl umgestellt hat, zu dem nunmehr das nordafrikanische Öl hinzugekommen ist.

Den übrigen Produktionsländern Nord- und Südamerikas (vor allem Kanada, Mexiko, Argentinien, Kolumbien und Trinidad) kommt weltmarktmäßig keine besondere Bedeutung zu. Alle diese Länder versorgen sich ganz oder weitgehend selbst, verfügen aber (von Trinidad abgesehen) nicht über Exportüberschüsse, die weltmarktmäßig ins Gewicht fallen. Südamerika ist bisher ölgeologisch nur sehr unvollkommen erforscht, und es ist anzunehmen, daß bedeutende Lagerstätten noch der Erschließung harren. Für die südamerikanischen Länder kommt es zunächst darauf an, sich durch Selbstversorgung von der Öleinfuhr unabhängig zu machen, da jeder Import ihre angespannten Zahlungsbilanzen stark belastet.

Im ganzen entfällt im Jahre1962 auf die westliche Halbkugel (das heißt Nord-, Mittel- und Südamerika) eine Ölproduktion von ungefähr 650 Mill. t, die etwas mehr als die Hälfte der Weltproduktion ausmacht. Jedoch ist der Verbrauch der Länder der westlichen Halbkugel ein so hoher, daß er keine wesentlichen Exportüberschüsse für die Versorgung des sonstigen Weltbedarfs übrig läßt. Die westliche Halbkugel stellt ein in sich ziemlich geschlossenes Versorgungsgebiet dar, das mit dem übrigen Weltmarkt nur durch einen verhältnismäßig schmalen Strom von Exporten und Importen verbunden ist. Die Vereinigten Staaten halten überdies denImport von Rohöl und Ölprodukten durch Importrestriktionen unter strikter Kontrolle.

Der beherrschende Einfluß der großen amerikanischen Ölkonzerne auf dem internationalen Ölmarkt beruht also nicht auf einer engen Verbundenheit der amerikanischen Ölwirtschaft mit der übrigen Welt, sondern nur darauf, daß sie die großen außeramerikanischen Ölquellen gemeinsam mit den beiden englischen Konzernen unter einer fast lückenlosen Kontrolle halten. Die Konzerne verfügen aber nicht nur über viele außeramerikanische Ölvorkommen, sondern haben durch ihre eigenen Tankerflotten und ihr weltweites Netz von Raffinerien und Absatzorganisationen in den Verbrauchsländern auch einen großen Teil des Marktes in ihren Händen. Diese "Ölgiganten" stehen gewissermaßen mit einem Bein in ihren Heimatländern und mit dem anderen auf dem freien Weltmarkt, wobei das Schwergewicht der Produktion, des Umsatzes und der Gewinne sich immer stärker auf das im Weltmarkt verankerte Bein verlagert.