Von Rolf Zundel

Göttingen, im Juni

Ich bin sicher, daß Ihr Programm unser politisches Wirken befruchten wird", hatte Erich Mende den Jungdemokraten telegraphiert, die am letzten Wochenende in Göttingen ihren Bundestag abhielten. Die Prognose des FDP-Parteichefs war wohl richtig – aber zugleich auch höchst unerfreulich für ihn. Die Nachwuchspolitiker der FDP, die sonst mit Beifall nicht kargten, quittierten das Begrüßungstelegramm ihres Parteivorsitzenden mit eisigem Schweigen.

Ginge es nach den Jungdemokraten – Mendes Tage als Parteiführer wären gezählt. "Wenn Wolfgang Döring noch lebte", meinte einer der Delegierten, "wäre schon auf dem Münchner Parteitag der FDP ein Führungswechsel fällig." Wenn er noch lebte – dieser Satz fiel in manchem Gespräch der Göttinger Jungdemokraten. Wolfgang Döring ist bei ihnen fast zu einer Legende geworden. Er verkörpert für die Jungdemokraten all jene Eigenschaften, die sie an ihrem Parteivorsitzenden vermissen: Härte, Durchsetzungsfähigkeit, Gradlinigkeit, Bereitschaft zum Risiko. Erich Mende aber ist – zum Teil wohl zu Unrecht – der Inbegriff dessen geworden, wogegen die Jungdemokraten zu Felde ziehen: Pragmatismus und mangelnde Dynamik.

Wenn es früher die Gegensätze zwischen den verschiedenen Landesverbänden waren (etwa zwischen den Altliberalen in Baden-Württemberg und den sogenannten Jungtürken in Nordrhein-Westfalen), die der FDP das Leben schwermachten, so verläuft heute die Trennungslinie in der Partei zwischen der jungen und der älteren Generation. Die FDP hat – und das unterscheidet die Partei von SPD und CDU – zornige junge Männer.

Während die Nachwuchsorganisationen der Sozialdemokraten und Christlichen Demokraten fast völlig in die Partei integriert sind, haben von den etwa 20 000 Mitgliedern der Jungdemokraten nur etwa Zweidrittel das Parteibuch der FDP. Und sie lassen sich ihre Unabhängigkeit auch etwas kosten. Keiner hat ein hohes Parteiamt, kein Bundestagsabgeordneter ist darunter. Da gibt es eine beträchtliche Zahl von Stadtverordneten, Kreisvorsitzenden, aber Berufspolitiker, die auf Gnade oder Ungnade auf die Partei angewiesen sind, findet man nicht. Und in dieser Unabhängigkeit gedeiht die Kritik, wächst der Wille zur Reform. Hier wartet man nicht ängstlich auf den Wink von oben, hier wird scharf geschossen.

Kein Zufall war es denn, daß Thomas Dehler als einziger von der Bundespartei in Göttingen mit dabei war und als "alter Freund und als Vorbild" gefeiert wurde. Und es war auch mehr als eine höfliche Floskel, als er zum Abschied sagte: Ich habe das Empfinden, zu Ihnen zu gehören" Wenn die Göttinger Rebellen vielleicht auch nicht mit allen Thesen Dehlers einverstanden waren – die tiefe Reverenz vor de Gaulle und die romantische Verherrlichung der Nationalstaaten fanden nicht ungeteilten Beifall –, in einem sprach Dehler den Jungdemokraten aus dem Herzen: mit seiner Behauptung, der Wille zur Wiedervereinigung sei erschlafft.