Von Rudolf Walter Leonhardt

Mit jener schönen Selbstverständlichkeit, die für ihn berufsnotwendig und existenzerhaltend ist, glaubt der Kritiker, ihm komme es zu, einem Werk seinen Platz anzuweisen. Und bei neun von zehn Büchern ist das vermutlich auch so.

Als Rächer der Kleinen tritt dann jedoch immer einmal wieder ein Großer auf – und ehe der Kritiker sich dessen versieht, hat er durch sein Urteil nicht das Buch, sondern sich selber eingeordnet.

Die Literaturgeschichte ist voll von Beispielen dafür. Nennen wir eines der berühmtesten. Goethes "Wilhelm Meister" bedeutete für Friedrich Schlegel, nach einem vielzitierten Fragment, neben der französischen Revolution und Fichtes Wissenschaftslehre eine der drei "größten Tendenzen des Zeitalters". Ein anderer Romantiker, Friedrich von Hardenberg (Novalis), ordnete sich als Kritiker geringeren Ranges ein, da er den gleichen Roman "im Grunde ein fatales und albernes Buch" nannte. Solche Antithesen klingen durch die Jahrhunderte der Weltliteratur, immer wieder, und möchten die Kritiker Bescheidenheit lehren.

An Heinrich Bölls "Ansichten eines Clowns" scheiden sich die deutschen Geister anno 1963, und zwar – das macht die Sache eigentlich erst interessant – scheiden sie sich in einer alle mühsam gezogenen Trennungslinien durchaus verwirrenden Weise. Nicht etwa hie Katholiken, da Humanistische Union; nicht hie Kalte Krieger, da Ostkontaktler; nicht hie Gruppe 47, da Dufhues und Krämer-Badoni; und auch nicht hie Restaurierer und da Avantgardisten; es ist alles wieder einmal viel komplizierter.

Was, so frage ich mich, verbindet Marcel Reich-Ranicki, Werner Ross, Rudolf Augstein, Reinhard Baumgart und (im "Rheinischen Merkur") Heinz Beckmann auf der einen Seite; Joachim Kaiser, Ivan Nagel, Walter Widmer und (in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung") Günter Blöcker auf der anderen?

Jede der beiden "Gruppen" hat Anhänger im engeren Kreise der Freunde und Bekannten. In jeder der beiden Gruppen kann man auch hören: "Mein eigenes Urteil ist für mich maßgeblich, und daß XYZ der gleichen Ansicht ist, interessiert mich überhaupt nicht."