Von Carl Zuckmayer

Ein Medizinstudent, der in der chirurgischen Abteilung eines Provinz-Spitals seine klinischen Semester absolviert – man nennt das in Österreich eine Famulatur – bekommt vom Assistenzarzt der Klinik den Auftrag, seinen Bruder, den "Kunstmaler" Strauch, zu beobachten, der allein, und offenbar im Zustand geistigen Verfalls, in einem weltverlassenen Bergdorf haust. Er soll über seine Beobachtungen Bericht erstatten.

Dieser Bericht, nämlich die täglichen Aufzeichnungen des Studenten, bilden den Inhalt des Romans von Ich halte das Buch für eine der stärksten Talentproben, für eines der aufwühlendsten und eindringlichsten Prosawerke, die seit Peter Weiss von einem Autor der jüngeren Generation vorgelegt worden sind. Wenn ich an die Lektüre zurückdenke, höre ich ein merkwürdiges Poltern, wie wenn Eisbrocken, durch einen nächtlichen Föhneinbruch von der Dachrinne abgeschmolzen, auf der Schneekruste vorm Haus zerschellen. Dieses unheimliche, bedrohliche, traumhaft erregende Gepolter, in dem sich das Zerfallen aller menschlichen Zusammenhänge bis zur völligen Entblößung eines letzten Seelenrestes andeutet, spielt sich im Hintergrund einer klaren, zuchtvollen, bildkräftigen Sprache ab – es wird nicht von den Worten selber hervorgebracht, sondern man erlauscht es, tief erschreckt und betroffen, unter und zwischen ihnen. Es wird da etwas zum Anklang gebracht, was wir nicht kennen und wissen, was wir mit Erlebtem, Erfahrenem, auch mit literarischen Vorbildern, kaum vergleichen können und was dem "Abgrund" Mensch, von dem Büchner sprach, neue Perspektiven erschließt. Denn dies ist kein "psychologischer" Roman, auch wenn die verschiedenen Phasen des Zerfalls und der Vereinsamung, man sollte besser sagen: Verfrostung, des Malers Strauch mit der Exaktheit eines klinischen Rapports zur Sprache kommen. Es hat vielmehr etwas von einer furchterregenden Legende oder einem schauerlichen Märchen, von der Geschichte eines mythologischen Martyriums, oder, mit den Worten des Autors und seines Objekts, von einem "Gang durch ein vormenschenwürdiges Jahrtausend" – von "Expeditionen in Urwälder des Alleinseins".

Dabei drängt sich mir wieder ein akustischer Vergleich auf: In diesem Buch dröhnt die Einsamkeit, es dröhnt und hallt darin das Alleinsein, wie die Schritte eines Menschen, der als Letzter, Vergessener, in einem riesigen dunklen Gewölbe, etwa nachts im versperrten Petersdom, eingeschlossen wäre. Dabei handelt es sich durchaus nicht um eine Geschichte der "Ausweglosigkeit", im Sinne jenes modischen Trivialbegriffs – denn es wird ja nach einem Ausweg gesucht, der im Bereich der menschlichen Möglichkeiten liegt, und ebenso, verzweifelt, doch nicht ohne Hoffnung, nach einem Einweg, der tiefer ins Innere und dadurch zu einem erkennbaren Quellgrund führen könnte. Mich erinnert das, was in diesem Buch vorgeht, eher an die keineswegs nur sportliche oder abwegige Arbeit der Höhlenforscher, die doch davon ausgeht, daß man außer dem Lauf der unterirdischen Gewässer unbekannte Einsichten finden könnte und neue Zeugnisse über den Ursprung des Menschen.

In den hemmungslosen, kataraktischen Monologen des Malers Strauch, der längst nicht mehr malt und der seine Bilder "verheizt" hat, der den jungen Menschen, den Auslöser seiner ins Nichts gesprochenen Entladungen, wie ein Maultier, das er beladen möchte, "mit dem Stock vor sich her treibt", der "seine Sätze ausstößt wie alte Leute Speichel", auf endlosen Spaziergängen – "Fluchten" nennt sie der Erzähler – durch die im Frost verharschten oder im Neuschnee verweichenden Hohlwege – aus diesen Wortkaskaden einer nur noch auf sich selbst bezogenen Phantasie, aus diesen abstrusen (doch nie "absurden"!) Gedankenfetzen und Simultanvisionen eines überempfindlichen, gleichsam der schützenden Schädeldecke beraubten Gehirns – aus alledem und in alledem ergibt sich auf kaum begreifliche Weise ein geheimer und geheimnisvoller, doch durchaus einleuchtender Sinn (man könnte vom Sinn des Un-Sinns oder von der Hellsicht der Blindheit sprechen), es geht das furchtbar Zwingende, entsetzlich Faszinierende, die Bannkraft des Wahnsinns davon aus, der in einer anderen, unerforschten Dimension dennoch "Methode hat"; und in einer immer mehr aus den Konturen herauswachsenden Plastik erhält dieser Maler Strauch, der "arme Narr", der "Idiot", eine besondere, unübersehbare Geschöpflichkeit – mit der er den jungen Mediziner, den ausgeschickten Spion, den detachierten Beobachter, überwältigt und, ohne daß das mit irgendeinem peinlichen Fingerzeig erklärt oder unterstrichen wird, zu einem anderen Menschen, wohl überhaupt erst zu einem Menschen macht.

Wer die Landschaft der oberen Salzach kennt, den Pongau, mit seinen wie vom Zufall zusammengewürfelten kleinen Industriestädten, Rangierbahnhöfen, im ewigen Sprühregen ihrer Wasserstürze, mit seinen finsteren, schluchtartig eingeschnittenen Seitentälern, der weiß, mit welcher beklemmenden Realistik der Autor ihren Farbton und ihr Klima trifft. In einer überheizten Kleinbahn, gemeinsam mit einem Trupp übermüdeter Schneeschaufler, fährt der "Famulant" nach dem Dörfchen Weng hinauf. "Es war wie in einem Kuhbauch so warm." Aber der Frost hängt in den feuchten Kleidern. "Weng ist der düsterste Ort, den ich jemals gesehen habe." Eine dieser inzüchtigen Siedlungen, in der man nicht die Straße überqueren kann, ohne einem Dorftrottel zu begegnen, der einen sabbernd anglotzt, mit den Fingern nach einem greift.

Der fiktive Ort Weng – das ist die Szenerie einer Vorhölle, aus der man, wie in einem Alptraum, nicht mehr herausfindet, von dunklen Sackgassen und ungewissen Lichtern genarrt, von Lemuren umlauert. "Ganz kleine, ausgewachsene Menschen, die man ruhig schwachsinnig nennen kann ... nicht größer als ein Meter vierzig im Durchschnitt. Alle haben sie da versoffene, bis zum hohen C hinaufgeschliffene Kinderstimmen, mit denen sie, wenn man an ihnen vorbeigeht, in einen hineinstechen ..." Überall hört man kläffende, heulende Hunde, aber man sieht sie nie, höchstens als Kadaver, die die Wirtin in ihrer Sudelküche vermetzt. "Weng liegt hoch oben, aber noch immer tief unten, wie in einer Schlucht." In Schwarzach-St. Veit hat der Fluß unerträglich vorm Fenster des Studenten gerauscht, hier ist es "unerträglich still". Hier hat sich der Maler Strauch, den sein Bruder, der Chirurg, mehr als zwanzig Jahre nicht mehr gesehen hat, wohl auch nicht sehen wollte, gleichsam in seinem eigenen Labyrinth verkrochen, hier unternimmt er seine endlosen, fluchtartigen Spaziergänge, von denen man das Gefühl hat, daß sie immer im Kreise herumführen.