München, mi Juni

Es mag an die zehn Jahre her sein, als eines Sonntagvormittags Waldemar von Knoeringen vor einigen hundert Münchner Sozialdemokraten sprach. Das Thema lautete: Automation und Freizeit Draußen schien die Sonne, im Saal war es heiß und stickig. Die Genossen hatten meist schon einige Biere getrunken; ganze Reihen dösten behutsam ein.

Da stand nun Knoeringen vor Männern, die meist älter waren als er selber, hielt eines seiner hinreißenden Referate, leidenschaftlich und mit unwiderstehlichem Schwung. Erfüllt von den Sorgen, die ihn bewegten, beschwor eine bessere Zukunft herauf, in brillanten Formulierungen, die er mit lebhaften Gesten unterstrich. Seine Zuhörer, anmarschiert aus Gründen der Parteiräson, dachten: Hat er es nötig, sich den Kopf über unsere Wochenenden zu zerbrechen? Sie gähnten zerstreut und entschlummerten.

Knoeringen aber ließ sich nichts anmerken. Es war nicht das erste und nicht das letzte Mal, daß er auf eine mehr oder minder dumpfe Menge einredete, ein Feuerkopf, der sich Gedanken machte über Dinge, die fernab lagen, den nicht Besoldungsprobleme und Postenverteilung interessierten, sondern Fragen der Erziehung, der Menschenbildung, der Verantwortung des Einzelnen für das Ganze, der gesellschaftlichen Ordnung, die einer neuen Sittlichkeit bedarf.

Bayerns Sozialdemokraten dachten damals noch in Parteibüchern. Je länger einer der SPD angehört hatte, um so mehr galt er, und wer im Konzentrationslager gewesen war, dem stand eine führende Stellung automatisch zu. Junge Leute waren als Genossen natürlich willkommen, aber sie, die nicht aktiv gegen Hitler gekämpft hatten, denen die politische Reife fehlte, sollten lieber schweigen und sich auf die Erfahrungen der alten Parteimitglieder verlassen. Typischer Repräsentant einer solchen Großvatereinstellung war beispielsweise Münchens damaliger Oberbürgermeister Wimmer, Jahrgang 1887. Münchens heutiger Oberbürgermeister Vogel, Jahrgang 1926, verkörpert dagegen die Vorstellungen, die Knoeringen durchzusetzen versuchte.

Vor einem Jahrzehnt trugen Knoeringens Aufsätze Überschriften wie "Die Zukunft meistern!", "Heraus aus dem Turm!", "Freie Bahn dem Fortschritt!‘. Er scharte Nachwuchs vom Schlage Vogels um sich, infiltrierte allmählich die trage Masse und bildete Stützpunkte im ganzen Lande. Zur Zeit bemächtigt sich diese Generation in erstaunlichem Umfang der bayerischen Oberbürgermeistersessel. Der progressive sozialdemokratische Stimmenzuwachs südlich des Mains ist in erster Linie der Tüchtigkeit des jungen SPD-Volks zu verdanken.

Dies alles nimmt nicht Wunder, wenn man weiß, daß Knoeringen seine Parteikarriere als Funktionär der Sozialen Arbeiterjugend Münchens begonnen hat. Er emigrierte 1933, kehrte nach Kriegsende zurück, wurde 1947 – unter mancherlei Schwierigkeiten – SPD-Landesvorsitzender, später Mitglied des ersten Bundestages, beschloß aber dann, nicht am Rhein, sondern in seiner Heimat zu wirken und konzentrierte sich auf die Bildungsarbeit. Lange Zeit war der Freiherr aus sehr alter Familie den klassenbewußten Proletariern suspekt. Tagesgezänk ekelt ihn an, Ämterpatronage ist ihm fremd, und er entsetzt sich immer wieder darüber, daß es so etwas wie Korruption gibt. Auch heute noch tolerieren ihn gewisse radikale Zirkel nur als schönes Aushängeschild.