Von Alex Natan

Die Sportwelt hat sich mit zynischer Gelassenheit daran gewöhnt, am Vorabend der Meisterschaften des "All-England Lawn Tennis and Croquet Club", die seit 1870 in Wimbledon abgehalten werden, zu hören, daß im folgenden Jahr bestimmt die Berufsspieler zugelassen werden. Die Gründe zu einer derartigen Selbsttäuschung müssen unverständlich bleiben. Denn jenes Publikum von keinen moralischen Erwägungen belastet, das vornehmlich durch sein Eintrittsgeld die Fiktion des Amateurbetriebes aufrechterhält, glaubt sich von allen Illusionen frei. Jedes Jahr lehrt Wimbledon neu, wie brüchig und verlogen die Fassade ist, hinter der sich "Haß, Neid, Prahlerei, Mißachtung aller Regeln und das sadistische Vergnügen, nackte Gewalttaten zu erleben" (George Orwell) verbergen. Jener begeisterte Pilgrim, der Wimbledon das "Mekka des weißen Sports" genannt hat, dürfte ein unschuldiger Orientale gewesen sein, dem abendländische Heuchelei unbekannt geblieben ist. Für die aktiven Teilnehmer bleibt das Supremat von Wimbledon unangreifbar. Seitdem "Big Bill" Tilden vor 30 Jahren begann, nach seinem dritten Sieg ins Berufsspielerlager überzutreten, ist ein Sieg in Wimbledon indirekt mehr wert an Bargeld und finanzieller Ehre als irgendeine andere Meisterschaft in der Welt, die Olympischen Spiele nicht ausgeschlossen. Für die Menschenmassen jedoch, die fast zwei Millionen Mark Eintrittsgelder zahlen, erweist sich die Anziehungskraft von Wimbledon schwerer faßbar. Da ist einmal das gewisse "je ne sais quoi", das in rückstrahlenden Erhellung an längst vergangene Jahre des Zwischenkriegs gemahnt, halb königlicher Besuch auf der Rennbahn von Ascot, halb Gartenparty bei einem wohlhabenden Bischof. Denn die Damen tragen unwahrscheinliche Hutkreationen, und auf dem Rasen sind Zelte errichtet, wo man Erdbeeren mit Schlagsahne kaufen kann, und überall gibt es Blumenbeete voll duftender Hortensien.

Die Spieler rauschen vorbei in ihren schweren Luxuswagen, die ihnen die Turnierleitung zur Verfügung stellt, der Meisterschaftsplatz ist gepackt voll wie die Arena eines Stierkampfes, und in der Ehrenloge thront allnachmittäglich die Herzogin von Kent, huldvoll und gnädig lächelnd, ein Restbestand längst vergangener Zeiten, wo ein königliches Patronat wirklich noch eine Ehre und nicht eine demokratische Selbstverständlichkeit bedeutete. Der Mann, der für die fast unglaublich perfekte Abwicklung der beiden Wochen von Wimbledon verantwortlich zeichnet, ist Duncan Macaulay, der Generalsekretär des Klubs, ein ehemaliger Oberst der indischen Armee, der deswegen selbst am heißesten Tag im Juni in seinem wollenen Sportanzug kühl wirkt, Er lebt im Klub, und sein Büro besitzt Radio- und Fernsehverbindung mit allen Spielplätzen. Er hat außerdem eine Uhr, die ihm dauernd anzeigt, wieviel Zuschauer die Pforten passiert haben, so daß er beim 30 000. Besucher die Pforten schließen lassen kann. Es ist diese militärische Haltung der Leitung, die sich auf die Spieler auswirkt. Sie mögen auf anderen Turnieren ihre Skandale inszenieren und ihre Mätzchen machen, in Wimbledon müssen sie den Regeln gehorchen. Ein anderer pensionierter Oberst zeichnet für die Auslosung und die Schiedsrichter verantwortlich. Er besitzt eine Kartothek, die nicht nur alle Leistungen der bekannten Spieler der Welt verzeichnet hat, sondern auch ihr Temperament, ihre Allüren und Seltsamkeiten. Mit Hilfe dieser Kartothek entscheidet dieser Oberst, wer unter den vielen Hunderten von Bewerbern ausgewählt wird und eine Einladung nach Wimbledon erhält. "Wenn ich nicht aller Details gewiß bin, könnte ich sehr leicht einen internationalen Zwischenfall auslösen." Obwohl er alle Vollzugsgewalt besitzt, die für dieses Amt notwendig ist, so arrangiert er die Abwicklung am besten durch Takt, Diskretion und vernünftigen Kompromiß.

Der Stolz von Wimbledon ist sein gepflegter Rasen, wie ihn kein anderer Klub auf der Welt besitzt. Der verantwortliche Pfleger beginnt bereits im Februar, ihn zu mähen, neu zu besähen und ihn mit religiöser Devotion zu pflegen, bis am Sonnabend vor dem Turnier vier Klubmitglieder der Ehre für wert erachtet werden, die Oberfläche dieses Rasens zum erstenmal auszuproben. Nach dem Geheimnis seiner Kunst befragt, antwortete dieser Rasengärtner: "Man muß eben den Rasen genauso sorgfältig wie ein neugeborenes Baby behandeln." 60 Balljungen in lila-grünen Hemden und schwarzen Turnschuhen sind für die Turnierspieler tätig. Sie kommen alle aus der William Baker Technical School in Goldings und beginnen ihr Training in Ballpraxis und Höflichkeitsetikette zu Ostern, wenn ihnen ein Film "Herrliches Wimbledon" vorgeführt wird. Man bringt ihnen bei, sich während des Spiels absolut still zu verhalten und sich auf die Idiosynkrasien der Spitzenspieler einzustellen. Ihre Aufgabe besteht nicht nur in der Sorge um die 11 000 Bälle, die dort alljährlich gespielt werden, sondern auch in der Besorgung von kaltem Tee, Glukose-Pillen und Stirn- und Armbändern, um den Schweiß aufzufangen.

Bekanntlich führen alle Wege nach Rom, die Abwege des Tennissports indessen nach Wimbledon, über dessen Eingang in verwitterten Buchstaben gemeißelt steht: "If You Can Meet With Triumph And Disaster–Treat Those Imposters Just The Same." Hier ist ein moderner Zirkus Maximum, in dem die Unschuld weißgekleideter Gladiatoren alle jene Griffe, Finten und Schläge demonstriert, deren sich amerikanische Meister mit rücksichtsloser Offenheit in ihren autobiographischen "Merkwürdigkeiten" rühmen, wenn sie sich mit der resignierten Miene eines alternden Histrionen zur Ruhe setzten. Dabei hatten sie die Gewißheit gewonnen, ihrem Publikum genau jene Nervenkitzel serviert zu haben, die es sich mit seinem Obolus erkaufen wollte.

Dieses Publikum jedoch machte den Meisterschaftsplatz während der Endrunden zu einem brodelnden Hexenkessel unkontrollierbarer Gefühle. Auf der Seite, der die Nachmittagssonne ins Gesicht glüht, sitzt jener, etwas deklassierte Teil der schmelzenden Menschheit, der sich vorn- oder hintenrum Sitzplätze verschaffen konnte. Im kühlenden Schatten verfolgen die Aktionäre das hinreißende Spiel. Dort sitzen sie, jene pensionierten Obersten oder Luftadmirale eines versunkenen Empires, die einmal Afrika oder Westindien als Vizekönige beherrscht hatten, verwitterte Gesichter mit ledernem Nacken. Auf ihren ergrauten Köpfen thronen jene exzentrischen Strohhüte, die es verständlich machen, warum sie als Kuriositäten gesammelt werden. Neben diesen Pensionären des ehemaligen Weltreichs sieht man ihre bejahrten Frauen in viel zu farbigen Baumwollkleidern, die einmal Mode gewesen sein mögen, als sie selbst noch Tee in Poona ausschenkten.

In Wimbledon kann der nachdenkliche Sportbeobachter den ganzen Sündenfall des modernen Sports studieren, das nachdenkliche Schauspiel der sozialen Gegensätze und der vorherrschenden Heuchelei. Und dennoch: wenn ein erfolgreicher Parsifal aus einem exotischen Land unbegrenzter Illusionen über das Netz der Spesenunschuld springt, seinem unterlegenen Gegner die Hand herablassend schüttelt, um dann unter dem Ladentisch einzukassieren, dann hat es eben doch ein köstliches Schauspiel für den einen und für den anderen die Illusion einer göttlichen Komödie gegeben. Es ist eben nur gut, daß das Sportpublikum selten denkt, sondern nur das restlos genießen will, was es für sein Eintrittsgeld verlangen zu können glaubt.