Von Wolfgang Leppmann

Bei der Lektüre der deutschen Tages- und und Wochenpresse überkommt einen zuweilen der Eindruck, daß das Fernsehen hierzulande nichts, aber auch gar nichts richtig mache. Dem einen sind die Darbietungen zu langweilig, dem andern gar moralgefährdend; der dritte erblickt in ihnen eine subtile Form der politischen Bevormundung, und ein vierter stößt sich an der Aussprache dieses oder jenes Ansagers.

Ein Zuschauer, der an amerikanische (aber auch kanadische, englische, französische und italienische) Fernsehprogramme gewöhnt ist, fragt sich schon nach kurzem Aufenthalt in der Bundesrepublik, worin der Grund zu der recht kritischen Einstellung des westdeutschen Mannes vor der Bildscheibe liegen mag. Nörgelei? Enttäuschter Perfektionismus? Überschätzung der durch das "Medium" gebotenen Möglichkeiten? Zu hohes oder zu niedriges Niveau der Sendungen?

Die Frage nach den Ursachen der Unzufriedenheit wird besonders dann akut, wenn etwaige Alternativen oder Verbesserungen ins Auge gefaßt werden, wie vor kurzem bei Eröffnung des Zweiten Programms. Was man von diesem Programm auch halten mag, eines scheint doch festzustehen: Das sogenannte Dritte Programm unterscheidet sich bis jetzt so wenig vom Ersten und früheren Zweiten, daß es die grundsätzliche Kritik am Deutschen Fernsehen nicht wesentlich beeinflussen, geschweige denn verstummen lassen wird. Auf jeden Fall wird ein einigermaßen unvoreingenommener ausländischer Betrachter – den anderes hierzulande, von den Verkehrs- bis zu den parlamentarischen Gepflogenheiten, durchaus nachdenklich stimmen mag – kaum Grund finden, den Leistungen des Deutschen Fernsehens seine Achtung, ja Hochachtung zu versagen. Mehr noch: trotz seiner schweren, aber wohl nicht unlösbaren administrativen Probleme gehört das Fernsehen wahrscheinlich zu den erfreulichsten Erscheinungen im heutigen deutschen Kulturleben, und wenn etwa gefragt wird, wie das so unzureichende Bild, welches sich viele Ausländer von Deutschland machen, richtigzustellen wäre, dann ließe sich mit gutem Gewissen antworten: unter anderm auch durch die Verbreitung einiger deutscher Fernsehprogramme.

Zunächst sind die Unterhaltungssendungen des Deutschen Fernsehens hoch anzusetzen – beileibe nicht aus Gründen des persönlichen Geschmacks, sondern weil die Darbietungen in bezug auf die Auswahl der Mitwirkenden und die Höhe des Milieus vielfältiger und abwechslungsreicher sind als die vieler ausländischer Sender. Ein beträchtlicher Teil der Programme besteht aus Gemeinschaftssendungen mehrerer Studios oder Eurovisionssendungen. Es liegt auf der Hand, daß ein Programm um so besser sein wird, je weiter der Kreis, aus dem heraus seine Mitwirkenden herangezogen werden. Das Verhältnis von regionalen und internationalen Unterhaltungssendungen liegt in Deutschland fast optimal zwischen zwei Extremen: Im Gegensatz zu einigen anderen europäischen Fernsehanstalten scheint hier kein mißverstandener Nationalismus die Mitarbeit ausländischer Künstler zu beschränken, und im Gegensatz zu anderen Bereichen des deutschen Lebens führt auch kein mißverstandener Kosmopolitismus dazu, daß der oder das Fremde ipso facto dem Einheimischen vorgezogen wird.

In Deutschland kommt sowohl der jazzbesessene Teenager auf seine Kosten wie auch derjenige, für den die Musik mit Wagner aufhört. Freilich müssen sich beide gelegentlich gedulden und nicht gleich mit "Typisch heimatlose Linke!" oder "Ich sagte es doch: alles alte Nazis!" vom Leder ziehen. Aber auch das ist schließlich Demokratie: die Toleranz gegenüber dem Geschmack der anderen, solange sich seine Äußerungen innerhalb des Spielraums bewegen, den man einer öffentlichen Anstalt, die nicht nur zwei Religionen und Geschlechter, sondern auch die verschiedensten Alters- und Bildungsgruppen zu berücksichtigen hat, billigerweise zugestehen muß. Mit einiger Geduld kann man denn auch so ziemlich alles auf dem Bildschirm finden, was sich die Menschen zwischen "König Oedipus" und "77 Sunset Strip" an Tragischem und Komischem, kurz an Unterhaltendem ausgedacht haben. Man wird dabei nicht einmal durch eine jener Reklamesendungen aufgeschreckt, in denen etwa ein gräßlich kläffender Köter am Ende des zweiten Aktes erscheint und daraufhin ein süßlich lächelnder Ansager mit den Worten: "Ach, Bonzos Frauchen hat heute beim Einkaufen die groooße Schachtel Friß-Mehr Hundefutter vergessen!" Licht aus, Vorhang auf, und zurück zum blinden König von Theben ...

Die Nachrichtensendungen, also. politische Neuigkeiten, Sport- und Wetterberichte, sind ebenfalls nahe an die Grenze des Erreichbaren vorgestoßen. Die Vermischung von Wort- und Bildreportage stellt höchstwahrscheinlich die dem Fernsehen angemessenste Form der Berichterstattung dar, und was die Objektivität anbelangt, so kann man den Herren und Damen, die da ohne das geringste Lächeln oder Stirnrunzeln allabendlich verlesen, was sich im Laufe des Tages ereignet hat, nur zu ihrer Selbstbeherrschung gratulieren. Wenn es sich gar um eine nicht bekräftigte Aussage handelt, dann ballen sich die Konjunktive förmlich am Ende des Satzes: "Aus Paris verlautet, Präsident de Gaulle habe dem Botschafter erklärt, daß er den Beitritt Großbritanniens zur EWG nach Erfüllung gewisser Voraussetzungen befürworten werden könne." Man fühlt sich an jene polynesische Sprache erinnert, in der es zwei Konjunktive geben soll, einen für Gerüchte, die der Sprecher: selbst für wahr hält, und einen anderen für solche, die er nur seinen Zuhörern als wahr aufbinden will.