Erstes und zweites Programm bemühen sich weiterhin redlich, den Dramatiker Hauptmann aus Anlaß, seines hundertsten Geburtstags endgültig unter die Erde zu bringen. Das Rezept ist sehr einfach, und die Pietät hat einen diabolischen Zug: Je mehr schwache Stücke man aufführt, desto lastender senkt sich der Staub auf die vier oder fünf bleibenden Werke. Man gibt vor, ein Fest zu. feiern – und singt in Wahrheit den Totengesang.

Diesmal bestand das Schaufelchen Erde aus der Wiesbadener Inszenierung der "Einsamen Menschen", eines Dramas, das Hauptmann einst, es sind jetzt mehr als siebzig Jahre her, in der Charlottenburger Schlüterstraße seinem Freundeskreis vorlas. Der Erfolg war damals gewaltig, nicht nur Paul Schlenther zeigte sich von der Ballade des einsamen Künstlers begeistert, dem ein emanzipiertes Frauenzimmer jenes Verständnis schenkt, das ihm christliche Eltern und züchtige Hausfrau versagen.

Heute freilich wirkt die Moritat, ein wilhelminisches Rührstück, eher ehrenwert-komisch. Die Problematik ist passé ("Die Küche und die Kinderstube ... darüber hinaus existiert nichts für die deutsche Frau"); und was die Sprache betrifft, so merkt man es dem Drama an, daß es in einem Vergnügungslokal konzipiert worden ist. Johannes Vockerat, der Held, bleibt 1963 so schemenhaft wie in den neunziger Jahren; er soll bedeutend sein – und spricht Platitüden; sein Buch wird als gewichtig bezeichnet – doch, anders als im Fall der Hedda Gabler, bangt niemand um das Manuskript.

Was gibts in einer solchen Lage für die Regie noch zu tun? Nun, man könnte, den Naturalismus klug übertreibend, die Realität so exakt und grausam-deutlich beschreiben, daß die Summe scharf belichteter Details plötzlich imaginär und phantastisch erscheint. (Hauptmann selbst – das "tja" des alten Vockerat! – gibt da einen Wink.) Doch diese Möglichkeit wurde vom Hessischen Staatstheater, Wiesbaden, verschenkt; statt den Naturalismus zum Prinzip zu erheben und eine stickige Herrnhut- und Gnadenfrei-Atmosphäre zu schaffen, bosselte man im Kleinen herum, wurde unpräzis, machte aus singenden Turnern muntere Ausflügler und verwandelte die pathetischen Akteure in rudernde Chargen.

Gefilmtes Stadt-Theater also: Beim Gespräch zwischen Vater und Sohn glaubte man sich bisweilen von Wiesbaden nach Apolda versetzt, Apolda um 1903 ... und diese Vorstellung geht gewiß nicht allein aufs Konto der Regie; auch ein Kortner könnte den Sätzen des "Bruder Johannes" weder die Komik noch die Peinlichkeit nehmen: "Kinder, ihr prostituiert meine Gedanken. Das ist geistige Notzucht."

Die Komik und die Peinlichkeit. Am Samstag wurden im Baden-Badener Kurhaus die Deutschen Schlagerfestspiele 1963 inauguriert, und auch das wurde, unter ganz anderen Zeichen, ein seltsames Schauspiel. Damen im Abendkleid und Herren im Smoking saßen halb grimmig, halb hingegeben herum; ein Spaß war das nicht, da zu sitzen; nur die Südwestfunk-Ansagerin lachte: Schrill und verbissen, weil sie die einzige war, die, während sie scherzte, die Miene verzog. Dafür wurden dann Lieder gesungen. Songs von jener biederen Anzüglichkeit, der man noch immer den Tenor der Wunschkonzerte und der Wehrmachtsbetreuung anmerkt. (Pornographie in der modernen Dichtung, Freunde von der "Deutschen Tagespost"? Notiert euch die Schlagertexte, dann lernt ihr den Unterschied zwischen Landser-Laszivität und aristophanischer Eindeutigkeit!)

Welch ein Abend, welche Geisterschau! Masken bewegten die Lippen, Betongesichter entblößten die Zähne; eine mollerte Mutti wedelte, Seligkeiten verheißend, mit ihrem Schal, schwang die Hüften und versuchte dazwischen auch noch zu singen; Fernsehdamen betraten die Bühne, fragten Fritz und Herrn Meier in Baden-Baden und Stuttgart, welchen Schlager die Heimat-Jury erkor, erfuhren, daß es im Studio heiß sei, lachten darüber, ein Scherz offenbar, und gingen endlich daran, den Preis zu verteilen – dem küssenden Cowboy ein Tusch!