Es scheint wieder einmal alles gutgegangen zu sein – am Jahrestag des mitteldeutschen Volksaufstands. Den Unkenrufen zum Trotz. Es war kaum anders als an den vorangegangenen "nationalen Feiertagen": Die meisten Kundgebungen waren verhältnismäßig gut besucht. In Berlin kamen 100 000; in Hamburg war das Auditorium maximum überfüllt; Resolutionen wurden per Akklamation angenommen. Kinderaugen glänzten im Fackelschein, und auf den Jahrmärkten drehten sich die Karussells ohne Musik.

Die Studenten hatten eine gute Idee: sie veranstalteten Vorlesungsreihen zur Ost-West-Problematik. Studenten lieferten aber auch einen der geschmacklosesten Beiträge zum 17. Juni: auf Plakaten forderten sie ihre Kommilitonen auf, "Berlin mit ihrem Blut zu verteidigen" – durch Blutspenden für Berliner Kinder. Politiker forderten Aussöhnung mit den osteuropäischen Staaten. Die Burschenschaften sangen unbeirrt: "Von der Maas bis an die Memel Der Verkauf des neuesten Brandenburger-Tor-Abzeichens war nicht befriedigend. In einigen katholischen Kirchen wurde zwölf Stunden ununterbrochen für die Wiedervereinigung gebetet Viele Gartenparties wurden punkt null Uhr am 17. Juni ins Hausinnere verlegt... Nichts, was die Verantwortlichen davon abhalten könnte, im nächsten Jahr wieder auf schlechtes Wetter zu hoffen und alles genauso zu machen.

Von Politik war an diesem 17. Juni wenig die Rede. In Hamburg meinte Herbert Wehner: "Dies ist nicht der Tag, über konkrete Fragen zu sprechen." Hans Zehrer schrieb: "Das nationale Ziel eines Volkes ist ein Totogewinn, den einem der Zufall in den Schoß wirft." Man müsse das Ziel nur mit "innerer Kraft und Dynamik" glaubhaft machen.

Innere Dynamik – das sind dann, einmal im Jahr, Kinderdemonstrationen und Fackelzüge, sind Verdammungsurteile gegen Ulbricht und Mitleidsbekundungen für dessen Opfer. So ehrenwert sie sind, so wirkungslos müssen sie doch bleiben. Denn wo sie Hoffnung wecken sollen, demonstrieren sie doch auch Hilflosigkeit und Ohnmacht. K. H.