L. F., Stuttgart

Am 24. Januar verließen im württembergischen Städtchen Crailsheim trotz klirrender Kälte viele Leute freiwillig mitten in der Nacht ihr Bett. Schloß Langenburg, Stammsitz des Fürsten Kraft zu Hohenlohe-Langenburg, hatte Ungewöhnliches zu bieten. Es brannte. Lichterloh brannte es, und die Feuerwehr hatte fast acht Stunden lang alle Mühe, aus der 40 Zentimeter tief gefrorenen Jagst genügend Wasser abzuzapfen, um die Flammen zu bändigen. Hätte die Stuttgarter Feuerwehr nicht zufällig erst im Sommer zuvor trainiert, wie man Wasser aus dem Fluß zur 150 Meter höher gelegenen Langenburg pumpt, von einem der schönsten deutschen Schlösser wäre kaum mehr als Schutt und Asche geblieben. Teuer genug wurde es auch so. Der Schaden beträgt mehrere Millionen Mark. Wertvolles Inventar, unersetzliche Bücher und Urkunden sind vernichtet.

Nach der Feuerwehr kamen die Sachverständigen. Sie stellten fest: Schuld am Feuer war ein undichter Kamin. Sein Funkenflug verursachte einen Deckenschwelbrand. Der weitete sich zum Großfeuer aus.

Aus Schaden wird man klug, sagt ein Sprichwort. Aber Spruchweisheiten sind meist nur zum Zitieren da. Sonst hätten der württembergischen Langenburg vielleicht die einschlägigen Erfahrungen der bayerischen Nachbarn mehr genützt. Die Bayern hatten ihr "Langenburg" nämlich schon im Oktober 1961. Da pickte der Rote Hahn an Burg Trausnitz herum, dem Wahrzeichen Landshuts. Vier Monate lang beklagten die Bayern die flammende Heimsuchung. Dann inspirierte das Münchner Innenministerium das Bayerische Landesamt für Feuerschutz und die Bayerische Versicherungskammer zur "Aktion Schlösser". Drei Dutzend historische Bauten werden begutachtet.

Bis jetzt sind die Untersuchungen in zehn durchweg von der Staatlichen Schlösserverwaltung betreuten Bauwerken abgeschlossen. Hätte das Innenministerium die Ergebnisse geahnt, es wäre in Hochachtung vor dem eigenen Mut erstarrt. Oberregierungsbaurat Börner, Referent der Bayerischen Versicherungskammer, kam zur Erkenntnis: "Es gab bisher kein Objekt, bei dessen Besichtigung nicht feuerschutztechnische Mängel zutage traten, die man abstellen kann, ohne das historische Bild des Bauwerkes wesentlich zu verändern." Was er damit meint, ist in den Gutachten säuberlich aufgeführt: Im Schloß Herrenchiemsee ist "bei Nacht die Schloßverwaltung nicht besetzt. Die Feuermeldung und das Auslösen der Sirene wird dann durch den Kastellan oder den Nachtwächter mit dem Moped durchgeführt".

Von starkem Vertrauen zum Feuerschutzheiligen St. Florian zeugen auch die Zustände im Markgräflichen Bayreuther Opernhaus. Sein Warmluftkanal für die Heizung des Orchesterpodiums führt durch eine schützende Brandmauer, die den Zuschauerraum vom Bühnenhaus trennt. Just am rechten Ort hat der Warmluftkanal eine Sperrklappe. Sie fällt automatisch herunter, wenn eine bestimmte Temperatur überschritten wird. Leider ist die Automatik irgendwann beschädigt worden und irgend jemand hat sie repariert, indem er einen Ziegelstein dazwischen klemmte. Bräche Feuer aus im Opernhaus, dann nützte die ganze Brandmauer nichts. Die gewaltsam hochgestemmte Sperrklappe wäre eine effektvolle "Feuerbrücke" zwischen Bühnenhaus und Zuschauerraum. Was die Berieselungsanlage für den Bühnenschutzvorhang angeht, so heißt es im Gutachten: Niemand habe sich daran erinnern können, wann sie zum letztenmal überprüft worden sei.

Großen Kummer haben die Prüfer mit den elektrischen Anlagen. Ihr Zustand ist in den meisten Schlössern so, als seien sie eigens für Pyromanen installiert. Die Öfen und Schornsteine spotten vielerorts allen Brandschutzvorschriften. Kaltstellen ist die einzig wirksame Abhilfe. Wer das scheut, kann das Feuerwerk der Langenburg im eigenen Haus erleben. Dort wurden bis zur Brandnacht im Januar noch 46 von 52 Kaminen benutzt. Kamin Nummer 7 spielte dann den Flammenwerfer.