Zu diesem Roman haben in den letzten Nummern der ZEIT Marcel Reich-Ranicki (19/63), Joachim Kaiser und Werner Ross (22/63), Ivan Nagel und Walter Widmer (23/63) und Rudolf Augstein (24/63) Stellung genommen. Das Bild soll heute abgerundet werden durch Beiträge von Reinhard Baumgart und Rudolf Walter Leonhardt sowie eine Zusammenstellung von Meinungen, die wir in anderen Zeitungen lasen: "ein kritischer Querschnitt".

Von Reinhard Baumgart

Wenn Prozesse ihre dritte Instanz erreichen, beginnt das geduldigste Publikum zu gähnen, für die Juristen aber wird es erst aufregend. Ähnlich hier, im Fall Böll, für Buchkritiker. Auch ich habe Reich-Ranicki angehört, und sein Urteil schien mir hart oder zu hart, obwohl sehr scharf belegt. Dann, in Joachim Kaisers Plädoyer, schwang das Pendel zurück wie naturnotwendig, da sprach nun Milde und Enthusiasmus und sprach schön und gewinnend, genau wie Verteidiger müssen. Doch eins hat mich mißtrauisch gemacht: daß diese warmen Worte sich ausgerechnet erwärmen an dem unglücklichsten Indiz des ganzen Romans, an der Hauptfigur nämlich, dem Clown Hans Schnier.

Auf Konsequenz und ausgekostete Bitterkeit in den Ansichten dieses Clowns hatte Ranicki gepocht. Joachim Kaiser, falls ich ihn recht verstehe, möchte uns nun bedeuten, wenn da die Bitterkeit nicht ganz genau konsequent denke und die Konsequenzen nicht immer bitter schmeckten, so komme gerade das dem "Charme" des Buches und dem "Charme" von Hans Schnier zugute. Außerdem seien nicht die Ansichten, sondern eben der Clown der Held des Romans. Niemand könnte dem widersprechen. Nur: Charme hätte ich zu allerletzt erwartet von einem Buch, dessen Autor und Held angeblich gemeinsam zum Äußersten schreiten. Hat Antigone Charme? Oder etwa Hamlet? Denn mindestens diesen großen Protestierenden gebührt doch, was Kaiser an Adelsgefühl über die Clownsseele ausschüttet: sie hatten die "anima Candida" und waren die "konsequenten Toren", ein "Äußerstes an seelischer Reinheit" ertrotzend, so daß "alle anderen in einem heillosen Licht stehen ..." und so fort. Denn dieser Menschenschlag à la Schnier, der aufbegehrt gegen eine Ordnung, die nichts weiter darstellt als ein kunstvolles System von Unordnung, der ist alt wie die Literatur und in ihr weit verbreitet. Der jüngste und nächste Verwandte des Böllschen Clowns aber heißt Holden Caulfield und stammt aus Salingers "Fänger im Roggen".

Diese Vetternschaft ist längst bemerkt worden, und es geht auch hier nicht etwa um alberne Denunziation, so, als hätte Böll bei Salinger gemeine Werkspionage getrieben. Doch der Blick auf Salingers Buch zeigt, was Böll hätte gelingen sollen und was dort, in den Aufzeichnungen eines High-School-Jungen, tatsächlich gelungen ist. Denn wenn irgend jemand, dann ist dieser Caulfield genau der Seelentor und heilige Querulant, von dem Joachim Kaiser redet. Er allerdings fühlt sich mit seinen Beschwerden keineswegs so penetrant im Recht, wie Schnier auf Schritt und Tritt. Doch trotz seiner Larmoyanz, seiner schlimmen Lächerlichkeit – er leidet, fühlbarer als Schnier, und damit wird jeder Klagende glaubwürdiger als durch alle Argumente. Nur: warum leidet dieser Caulfield so "gut", so authentisch, während Schnier seine Misere mehr beteuert als wirklich mitteilt? Salinger ist nämlich etwas nahezu Unmögliches gelungen, mit nichts weiter als der Stimme des Redenden, durch ihr Timbre, ihren Wortschatz und Gestus, hat er ein vollständiges und geschlossenes Menschenwesen umrissen, das auch unsere vollständige Anteilnahme herausfordert und verdient. Verglichen damit sieht Hans Schnier aus wie ein rhetorisches Kompositum. In dieser Stimme werden die Umrisse einer einzigen Person nicht deutlich, da redet zu vielerlei durcheinander. So etwa Heinrich Böll selbst, der als Hausherr im Roman immer wieder ein starkes Wort dazwischenruft. Oder es schreibt seitenweise, statt des armen Hans Schnier, nur eine beliebige aufsässige Feuilletonistenfeder, immer begabt, doch eben fatal charmant in einer angeblich so miserablen Lage.

"Überreich an Details", sagt Kaiser, sei diese Figur ausgestattet, und auch dieser Reichtum, meine ich, gereicht dem Millionärssohn zum Unglück, einem diesmal ästhetischen. Er baut von überallher seine Eigenschaften, Ansichten und Ressentiments, und es addiert sich daraus eine schwierige, gewichtige Summe von sogenanntem Nonkonformismus, doch will auch die nicht zu einem ganz verläßlichen Individuum zusammenfinden. Kaum einen Augenblick halte ich für möglich, daß da ein Siebenundzwanzigjähriger aus dem Roman auf mich einredet, dazu zeigt er zu deutlich alle moralischen Narben der nächstälteren, der Kriegsgeneration. Schwerlich traut man ihm als einem Braunkohlenerben über den Weg, nie jedenfalls als einem Protestanten oder Atheisten. Es geht da zu wie verhext: Je besser er redet, je mehr er beteuert, desto weniger ist er er selbst. Aber womöglich wäre das wirklich, wie uns Kaiser offeriert, "kein realistisch gesehenes Ich, sondern ein überzeichnetes"? Das ist tapfer gesagt. Doch es erinnert schon an die trotzige Art von Autoren, die gern ihre Fehler als ihre höchste Absicht verteidigen. Sobald etwas nicht stimmt, sagen sie: genau! Es sollte auch gar nicht stimmen. "Realistisch gesehene Ichs" sind für mich wahrhaftig keine Glaubensartikel; jeder Werther oder auch Oskar Matzerath wäre mir gleich willkommen. Doch wenn eine Figur so tief eingetunkt ist in realistisches Milieu wie Schnier in sein Bonner Nest, kann sie kaum noch jenseits des Realismus von eigenen Gnaden und nach eigenen Gesetzen residieren.

Doch längst gähnt man uns alle an, die Kritiker, die Gegen- und Gegengegenkritiker, und verlangt nach der Sache selbst, nach Böll. Mit Recht. Ich habe versucht, hier etwas in der dritten Instanz zu sagen, gegen die zweite. In der ersten würde ich die "Ansichten eines Clowns" für ein erstaunliches Buch halten, um so erstaunlicher, als ja für mich die Hauptfigur zerfällt zu Scherben, in Ansichten, Handlungen, Sentiments, die ihr unmöglich alle zugleich plausibel zu Gesichte stehen, noch erstaunlicher, weil ich auch den bedeutenden Zorn von Bölls "Brief an einen jungen Katholiken" jetzt umgewechselt sehe in kleinere Münze, in Ärger. Trotzdem also, trotz aller nicht eingelösten Absichten, reiht dieses Erzählen wie ungerührt eine fast ununterbrochene Kette von glänzenden Miniaturen aneinander. Mir scheint sogar, gerade dieses Gelingen im kleinen, ein oft amüsantes und fast behagliches Gelingen, von Trauer eher sanft beschattet und vorgetragen in einer schlichten, durchaus temperierten Sprache – genau diese Qualitäten des Romans also haben seine größeren Absichten unterlaufen. Wenn ein Erzähler wirklich zum großen Reinemachen schreitet, wird ihm sein Charme zu allererst im Halse stecken bleiben.