Die Juden waren geistig eine Nation, längst ehe sie einen Staat hatten

Tel Aviv, im Juni

Es war einer jener Tage, an denen der Wind die Wüste aufwirbelt und den Sand bis weit hinein in die Städte trägt – einer jener Tage, der das Leben im Nahen Osten so beschwerlich macht: Sand zwischen den Zähnen, in der Nase, den Augen; Sand in allen Wohnungen, als sei seit Monaten kein Staub mehr gewischt worden. Und überdies Kopfschmerzen von dem gefürchteten Chamsin, der hier das ist, was anderwärts Föhn oder Schirokko heißt.

Ich war in Elat gewesen, der neu aufgebauten Hafenstadt am südlichsten Zipfel Israels. Viele Stunden war ich durch den Negev gefahren, die große Wüste, in die sich landwirtschaftliche Kultur und städtische Zivilisation allmählich hineinfressen, jedes Jahr ein Stückchen weiter. Irgendwo dort, wo die ersten verstreuten Siedlungen beginnen, aber noch in der Wüste, sah ich abseits der Straße ein Dorf liegen. Dort seien Inder angesiedelt, die aus Cochin kommen, berichtete der Fahrer. Ich hatte jüdische Einwanderer aus Osteuropa, Deutschland, Nordafrika und den Arabischen Staaten gesehen, aus England und Südamerika – aber Inder in Israel, das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Es war eines jener Dörfer, denen man ansieht, daß sie noch nicht lange bestehen: kleine, einfache Plattenhäuser, normierte Kuben in den Sand gestellt. Davor dunkelhäutige Menschen mit vielen Kindern in bunten Gewändern. Bald kam ein etwa 40jähriger Mann des Weges, der gut Englisch sprach. Es sei schwer, auch nur das Existenzminimum zu verdienen, erzählte er. Seine Familie (die aus sieben Personen besteht) lebe von dem Erlös, den ihre 400 Hühner abwerfen, und davon, daß er als Gelegenheitsarbeiter im Straßenbau manchmal etwas dazu verdiene.

Soweit das Auge reichte – kein Baum, kein Strauch, kein Vorgarten, nur wirbelnder Sand. Unter diesem gelben Schleier schienen Wüste, Himmel und Straße übergangslos miteinander zu verschmelzen. Nur die Wohneinheiten vom Fließband hoben sich stereotyp daraus hervor.

Ich erzählte dem Mann, daß ich seine schöne Heimat, die Küste von Cochin, kenne und fragte, ob er nicht manchmal Heimweh habe. "Heimweh", antwortete er überrascht, "aber nein. Unsere Heimat ist doch hier, dies ist ja das Land der Verheißung!"

Die Begegnung mit diesem Manne hat sich mir nachdrücklich eingeprägt, weil ich glaube, daß er den Schlüssel zum Verständnis Israels liefert. Nur die Juden konnten es fertig bringen, jahrhundertelang ohne staatliche Organisation und dennoch als Gemeinschaft in der Diaspora zu leben, weil Gesetz und Verheißung sie begleiteten. Jahrhundertelang lebten sie über die Welt verstreut in Osteuropa, im Westen, im Nahen Osten, in Nordafrika – ohne sich mit anderen zu vermischen. Sie feierten nicht die Feste der Völker, mit denen sie seit Generationen lebten, sondern sie feierten die Feste nach ihrem Gesetz, nach dem Kalender Palästinas. Und durch Jahrhunderte lautete überall in der Welt ihr Abschlußruf am Passah-Abend: "Im nächsten Jahr in Jerusalem!"